Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1877)
- Date
- 1877-12-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1197 Klagen des Volkes zu unterdrücken. Die Verbindung der Gebirim (Mächtigen) besteht aus einem Dutzend Familien, die mit dem Gelde, das der Sultan ihnen vor einigen Jahren geliehen hat, gute Geschäfte machen; sie bewohnen große und prächtig möblirte Häuser, ihre Tafel ist mit Fleischspeisen und selbst europäischen Weinen reich versorgt; aber sowie sie aus ihrem Hause heraustreten, sind sie den andern gleichgestellt und nicht minder wie der Letzte im Volke den drückenden Gesetzen unterworfen. Man beschuldigt sie, daß sie sich mit der Verwaltung verständigen, um das Getreide und die besseren Fleischsorten der Schlachtbank für ihre täglichen Bedürfnisse aufzukausen; ich glaube, es wird hierbei viel übertrieben, aber es muß wenigstens nicht zum Glücke dieser wohlhabenden Classe beitragen» wenn sie fortwährend mit der Antipathie des Volkes zu kämpfen hat; zwischen der Furcht vor den Arabern und dem wenig verhohlenen Haß ihrer Glaubensgenossen stehend, Erscheinen mir diese Gebirim des Mellah eher beklagens-, als beneidenSwerth; sie wollen ihre Vorrechte conserviren und machen sich doch auch Gewissensbisse, so daß ihnen wenig Muße zum Genüsse ihrer Reichthümer bleibt. Ich habe hiervon einen handgreisiichen Beweis: Herr Meir CorcoS. der anerkannte Chef dieser so beneideten Oligarchie, befand sich bei Gelegenheit einer Unterhaltung, die ich am Samstag, den 17. August, mit ihm hatte, plötzlich so unwohl, daß er sofort die Unterhaltung abbrechen mußte, und seitdem nahm er an den zur Bildung eines Comit^s der Alliance stattgehabteu Versammlungen nicht mehr Theil und ebenso hielten sich die meisten Gebirim zurück. In Folge dessen blieben auch andere hervorragende Männer fort, so daß die für Samstag Abend vorgeschlagene Versammlung absolut keinen Beschluß fassen konnte, obgleich ich sagen muß, daß die Neichen die Artigkeit hatten, Mittelspersonen zu schicken, denen ich den Zweck meiner Mission auseinandersetzen konnte. Der H. Oberrabbiner war über diese unpassende Desertion so aufgeregt, daß er mich andern Tages rufen ließ und unter heißen Thränen mich bat, ihn nach Mazagan mitzunehmen, da er fest entschlossen sei, eine Stadt zu verlassen, wo die mächtigste Classe der Israeliten so wenig Liebe für ihre unterdrückten Glaubensgenossen zeigen; ich habe Alles gethan. um ihn von diesem Entschlüsse abzubringen, er hielt jedoch fest daran. Einige Stunden später wußte man im Mellah, daß der so allgemein gliebte und verehrte Oberrabbiner auf dem Punkte stehe, die Stadt zu verlassen, und alle Welt war bestürzt; den Delegirten der Gemeinde gelang es jedoch durch dringende- Bitten, ihn zum Aufgeben seines Planes zu bestimmen. Während die Notabeln den Oberrabbiner zu beruhigen suchten, begab sich das Volk in Maste zu mir und beschloß einmüthia ein Localcomitö der Alliance zu gründen; über 20 Personen schrieben sich sofort ein und bezahlten ihren jährlichen Beitrag, was in Anbetracht ihrer precären socialen Lage und schrecklichen Armuth zugleich eine muthige That und ein großes Opfer war. Mehrere rührige junge Leute, unter Anderen auch einige Israeliten aus Algerien, die trotz der Conventionen dennoch wie einheimische behandelt werden, unterzogen sich der Propaganda und brachten nach und nach 20 andere Mitglieder zusammen, worunter einige der höheren Classe angehüren; aber die Theilnahme der Reichen an dem Werke der Alliance hat wenig zur Beruhigung des Volkes beigetragen. Bei der am Montag stattgehabten Wahl kam man nach langen Debatten überein, ein Lokalcomitö zu bilden. Meine Mission nach Marocco war erfüllt, und ich beschleunigte meine Abreise nach dem Norden. Einen Augenblick hatte ich die Absicht, dnrch das Innere deS Landes nach Fez und MequinvS zu gehen, aber mir fehlte die Zeit, um eine so lange und von Schwierigkeiten starrende Reise zu machen. Die Gemeinde zeigte sich wie immer von einer über alles Lob erhabenen Generosität und Zuvorkommenheit; trotz der wirklichen Gefahr, den Verdacht der Araber zu erwecken und sich ihre Rache zuzuziehen, begleitete mich über 300 Personen, in 3 Gruppen getheilt, bis zu einer gewissen Entfernung von der Stadt. wo sie sich sicher fühlend, sich um mich schaarten, um mir die Hand zu drücken und eine gute Reise zu wünschen; einige Worte des Dankes und des Trostes war Alle-, was ich auf so viel Herzlichkeit erwidern konnte; der Gedanke, daß Einige dieser muthigen Männer für ihre Freundlichkeiten gegen einen Ausländer vielleicht werden Rechenschaft zu geben haben, daß sie meinetwegen vielleicht werden geschlagen, ins Gefängniß geworfen und ihres Vermögens beraubt werden, dieser finstere Gedanke zerriß mir da- Herz. Wir trennten uns in der tiefsten Rührung, von der je ein menschliches Herz bewegt gewesen. (Schluß folgt.) Großbrittanien. Dirblin. Die Prüfungen am Trinity College dahier waren auf einen Samstag bestimmt worden; alle im Namen Israel. Studenten gemachten Vorstellungen um Aenderung des Prüfungstages waren vergeblich. Am Tage vor dem bestimmten