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Der Israelit · 1877-12-12 · Heft 50 (12.12.1877) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 50 (12.12.1877)
Date
1877-12-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1188 Her ist aber Herr Professor Lazarus in des Worteverwegenster Bedeutung. Wo in den jüngsten Decennien ein Attentat des officiellen Reformjudenthums auf jüdisches Gesetz und jüdische Sitte begangen wurde, wo es sich darum handelte. von Seiten der Reform das gesetzestreue Judenthum zu verdächtigen, und den Geistern und Gemüthern seiner Söhne und Töchter ZU entfremden, überall war es Herr Prof. Lazarus, der an der Spitze solcher.Bestrebungen stand. Wir erinnern nur an seine Eigenschaft als Präsident der Augsburger Synode, weil dies so recht zeigt, wie dessen fanatischer Reformeifer, selbst nicht einmal das Stigma der Lächerlichkeit fürchtet *). Herr Prof. LazaruS, mag nun von den Aufgaben des Gemeindebundes ganz und gar durchdrungen sein, ja er mag das aufrichtige Bestreben haben, seine Eigenschaft als Synoden-Lazarus zu Vergessen und alle reformistischen Velleitäten zu unterdrücken, aber die jüdischen Gemeinden werden es nicht glauben können, nicht glauben wollen. — Wenn sie auch nicht so malitiös sein werden ZU behaupten, dem Leipziger Vicepräsidenten sei eS in erster Reihe darum zu th'.'.n, seine bestechliche Rhetorik zu entfalten, für die er als Augsburger Präsident keine Zuhörer mehr findet, so werden sie sich doch des Verdachtes nicht entschlagen können, daß unter solcher Leitung der Gemeindebund alle Aussicht hat, eine Sinecure des baufälligen Reformjudenthums zu werden, und das wollen die deutschen Gemeinden nun einmal nicht. Sie wollen es so entschieden nicht, daß sie lieber auf die Segnungen eines Gemeindebundes verzichten, ihm fern bleiben, und so seine Lebensfähigkeit gefährden, als reformatorische Bestrebungen fördern. Das haben die deutschen Gemeinden gezeigt, indem sie sich dem Synodenschwindel gegenüber apathisch verhielten und die Blamage des Fiasko's seinen Entrepreneuren ausschließlich überließen. Dieselbe abwartende Haltung werden die jüdischen Gemeinden da annehmen, wo sie fürchten, daß unter irgend welcher ehrlichen Flagge die schiffbrüchige Reform restaurirt werden soll. Und diese Furcht ist so unbegründet nicht. Wer die an vollständige Auflösung streifende Zerbröckelung des deutschen Reformjudenthums auf- 1) Interessant ist ein Vergleich der Rede des Herrn Pros. Lazarus, welchen der vorlänsigc Bericht im Auszuge mittheilt, mit der Gröffilungsrcdc der Augsburger Synode, weil man (S. 35 der 'Verhandlungen) dieselben Redewendungen und Gedanken dahier wiederfindet. Das Interessante liegt nicht so sehr in der öconomischcn Weisheit, mit welcher der Redner seine Gedanken verwendet, sondern in der charakteristischen Thatsache, daß für Synode und Gemeindebund derselbe Präsident rcsp. Vicepräsident dieselben Worte gebrauchen kann. — Red. merksam verfolgt, wird es begreiflich finden, wenn seine Macher alle Mittel und Mittelchen auwenden, um es wieder zu Ehren zu bringen. Dieser Verdacht liegt nahe, wenn man die rathlofe Zerfahrenheit sieht, welche die ganze Reformparter und ihre Leiter, seitdem sie ihre Lage nicht mehr verbergen können, mit einer gewissen Märtyrerglorie offen zur Schau tragen. Wie begründet oder unbegründet diese Befürchtungen jedoch sein mögen, immerhin kann nicht in Abrede gestellt werden, daß sie durch die Wahl der genannten Persönlichkeiten neue Nahrung gewinnen, weßhalb gesinnungstüchtige, opferbereite Gemeinden dem Bunde nach wie vor fern bleiben werden. Daß von den Tausenden jüdischen Gemeinden des deutschen Reichs bis jetzt nur eine so kleine Bruchzahl sich dem Bunde angeschlossen hat, daß die Betheiligung selbst der BundeSgemeindea eine so durch und durch laue ist, daß sich am jüngsten außerordentlichen Gemeindetag kaum V» der Mitglieder betheiligte, diese und viele andere Symptome der Lebensunfähigkeit beruhen in erster Reihe in dem Mißtrauen, welches die mit der Reform sympathisirenden leitenden Kreise erregen. Die übrigen Mitglieder des Bureau's haben wir nicht die Ehre näher zu kennen, und müssen UNS daher auf das Gesagte beschränken. Wir sind mit unserer Darstellung der Ursachen der Lebensunfähigkeit des deutsch - israelitischen Gemeindebundes, soweit sich dieselben audem Vorläufigen Berichte des jüngsten außerordentlichen Gemeindetages ergeben, za Ende. — Wir vermögen nach alledem nicht die Hoffnung zu theilen, die der erwähnte Bericht für die neue Belebung und glückliche Fortentwickelung des Bundes au den jüngsten Gemeindetag knüpft. Dagegen haben wir alle Ursache 'anzunehmen, daß der seit Erkrankung und Ableben Kohner's erfolgte Rückgang des ganzen Bundes sich über kurz oder lang — wir glau< bm das erftere — noch fühlbarer zeigen wird. Warten wir es also mit den sämmtlichen Gemeinden des deutschen Reichs — minus 130 — ab, wie sich die neue Organisation des Bundes bewähren wird, und sollte es uns freuen, wenn sich unser dem Gemeindebunde gestelltes Procognosticon als zu düster erwiese. Nachdem wir so unsere Stellung zum Gemeindebunde und seine Bestrebungen von ihrer negativen Seite klarzulegen versucht haben, erübrigt irns noch Dasjenige anzugeben, was wir vom Standpunkte des gesetzestreüen Judenthums an die Stelle des von uns Bemängelten zu setzen Vorschlägen. — Es ist, um es mit wenigen Worten zu sägen: Ein israelitisch-deutscher statt eines deutsch-israelitischen Gemeindebundes.

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