Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1877)
- Date
- 1877-12-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1166 „Darf ich ihn zu Ihnen führen?" Frau Rosenbaum antwortete nicht sogleich, mit seltsamen Ausdruck schaute sie in das Antlitz des in ihrer Erregung nur noch schönern Mädchens. „Sie sind so gut — so gut — und bemühen sich so sehr für den Unglückseligen. —" . Herr Rosenbaum hat mir das Leben gerettet," erwiederte Rosa erröthend und unwillkürlich den Blick zu Boden senkend, „kann es Sie da Wunder nehmen, wenn ich ihm retten möchte, was ihm höher gilt als das Leben — die Verzeihung seiner Mutter. — Darf ich den Reuevollen, den Verzweifelnden zu Ihnen führen?" Noch immer antwortete die Kranke nicht, aber ihr Blick haftete auf der Thür, Rosa glaubte sie zu verstehen, rasch erhob sie sich, doch das nervöse Zucken der Kranken ließ sie Mieder zögern. Abermals reichte sie ihr den beruhigenden Trank. „Dank," flüsterte die Leidende erquickt. „Sie sind sein guter Engel" fuhr sie fort, indem sie mit zitternder Hand die Hand des jungen Mädchens ergriff, „bleiben Sie's stets." Rosa wandte sich hastig ab und eilte zur Thür. Sie trat ins Nebenzimmer. .Herr Rosenbaum. Ihre Mutter erwartet Sie." Der Verzweifelnde stürzte auf sie zu. „Ist es wirklich? — wirklich? —" stammelte er. „Um Gotteswillen suchen Sie sich zu fassen, aber lassen Sie Ihre Mutter nicht warten." Er wollte hinein in's Krankenzimmer stürzen, der junge Grün hielt ihn zurück. „Sie müssen zuvor ruhiger werden, in dieser Erregung darf Ihre Mutter Sie nicht sehen." „Laß' ihn," sprach Rosa lei^e, „die unglückliche Mutter muß die Reue ihres Sohnes sehen." Und Rosenbaum eilte hinein und stürzte nieder an dem Schmerzensbette seiner Mutter und barg das thränenüberfluthete, zuckende Antlitz in ihren Kissen. „Verzeihung" war das einzige Wort, das er hervorbrachte. Rosa aber sah vom Nebenzimmer aus, wie die welken Hände der Kranken die Stirne des Sohnes berührten. „Gott sei Dank!" sprach Grün. „Laß' uns heimgehen, Carl," wandte sich Rosa an den Bruder, „es dunkelt, wir wollen den Vater nicht warten lassen." „Du hast recht," cntgegnetc Carl, „wir müssen eilen" und Beide verließen das Zimmer. „Rosa," sprach Carl, während sie an seinem Arm raschen Schritts dem väterlicher? Haufe zueilte, „Du hast heute Deine Schuld getilgt. Du hast Rosenbaum mehr gerettet als er Dir." Ein glückliches Lächeln erhellte für einen Moment das Antlitz des jungen Mädchens; doch gleich darauf hob ein schmerzlicher Seufzer ihre Brust. „Ich fürchte sehr, die unglückliche, alte Frau wird ihr Krankenlager nimmer verlassen. — Und welch' entsetzliches Bewußtsein zeitlebens für den Sohn. —" „Wer wird auch gleich das Aergste fürchten," tröstete Carl. „Du hast recht, so lange Leben ist, ist Hoffnung. s Aber —" fuhr sie ablenkend fort: „es ist nicht Las allein, was mich so trübe stimmt. Eduards irreligiöse Anschauungen, die er sich kaum mehr Mühe nimmt, dem Vater zu verbergen, erfüllen mich mit Angst. Großer Gott! wenn der Vater es heute gesehen halte, daß er geschrieben. —" „Wie? in Deiner Gegenwart hat er es gewagt?" „Ach, mir gegenüber hat er sich nie genirt; aber daß ihn die Anwesenheit unseres schlafenden Vaters nicht zurückgehalten, das hat mich empört." „Armes Röschen — doch was können wir dagegen thun?" „Das eben wollte ich mit Dir überlegen." Er zuckte die Achseln. „Ich habe auf Eduard durchaus keinen Einfluß." „Aber glaubst Du nicht, Carl, daß es vielleicht einen wohlthätigen Einfluß auf ihn üben könnte, wenn er Rosenbaum's Unglück mit allen seinen entsetzlichen Einzelheiten erfahren würde?" Carl schüttelte den Kopf. „Rein, Kind, das glaube ich durchaus nicht. In seinen Augen ist die alte Frau eine Närrin, und so wenig er sonst mit Rosenbaum fympathisirt, so sehr würde er Denjenigen bespötteln, der dem Sohn irgend welche Schuld an dem Unfälle seiner Mutter zuschreiben wollte. Ich möchte Dich daher dringend ersuchen, über diesen Fall mit Eduard gar nicht zu sprechen. Er ist in jüngster Zeit noch weit empfindlicher als sonst; sowie er sich nur einredet, man wolle ihn irgend einer Weise beeinflussen, so treibt er es nur um fo ärger. Doch, nun fei heiter, Röschen, es kann mit Gottes Hilfe noch Alles gut werden." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dt. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckern in Mainz (Mainzer Anzeiger).