Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1877)
- Date
- 1877-12-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1165 „Wo bin ich?" fügte sie nach einigen Augenblicken hinzu, nachdem sie umsonst sich mühte, ihre Erinnerungen wach zu rufen. Rosa antwortete erst, nachdem die Kranke mit ausbrechender Ungeduld ihre Frage wiederholt batte. „Sie sind in dem Hause Ihres Sohnes," sagte sie, mit ängstlichem Blicke den Eindruck ihrer Worte beobachtend. Als hatte sie ein giftiges Reptil berührt, so verzerrte sich daS Antlitz der Greisin; sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen, als empfände sie dort einen wüthenden Schmerz und ihre bleichen Lippen stammelten: „Fluch ihm!" „galten Sie ein!" schrie Rosa voll Entsetzen, „oder Sie verwandeln die Reue des Verzweifelnden in Wahnsinn!" „Reue des Verzweifelnden," murmelte Frau Rosenbaum, indem ein irres Lächeln um ihre Mundwinkel zuckte; dann legte sie die zitternde Hand an die Stirn, als wolle sie ihre Gedanken sammeln. „Wer sind Sie?" wandte sie sich mit heiserer Stimme an das junge Mädchen „und was wissen Eie von der Reue meines —" Sie stockte, sie brachte das Wort Sohn nicht heraus. „Mein Bruder ist der beste Freund Ihres Sohnes,' versetzte Rosa leicht erröthend, „mein Bruder hat mich her zu Ihnen geführt und wünschte ich sehnlichst, in irgend etwas, Ihnen dienen zu können." Bitterer Hohn kräuselte die welken Lippen. „Der beste Freund von dem, der den Sabbat entweiht — eine schöne Empfehlung. —" Rosa preßte die Lippen aufeinander, die Kranke gewahrte eS. — „Verzeihung Kind," sprach sie matt, „ich wollte Sie nicht verletzen — aber — wie ist mir denn? — sagten Ste nicht vorhin — Sie könnten noch nicht Licht anzünden — weil der Sabbat noch nicht zu Ende? —" „Freilich sagte ich das." „Nun denn — so sind Sie Jüdin — fromme Jüdin — und wollte« den vertheidigen — den — den — der — " Ihre Erregung wuchs mit jedem Moment, ihr Stimme bebte, ihre zuckenden Hände fuhren rastlos auf der Bettdecke umher. — Die Angst des jungen Mädchens stieg aufs Höchste „Um Gotteswillen, Frau Rosenbaum, beruhigen Sie sich, darf ich Ihnen von dieser Limonade reichen?" und ohne die Emwillung der Erregten abzuwarten, stützte sie ihr schwere« Haupt und brachte sie das kühlende Getränk an die brennenden Lippen. Hastig trank die Leidende, es schien ihr Wohl z« thun. „Dank," flüsterte sie und drückte die Hand des jungen Mädchens. „Es hat Sie ein wenig erfrischt," entgegnete Rosa freundlich lächelnd, „darf ich Ihnen noch ein wenig reichen?" „Dank." sprach die Kranke mit Anstrengung „jetzt nicht." „Nun denn," fuhr Rosa fort, indem sie sich wieder in das Fauteuil am Bette niederließ, „so erlauben Sie mir, Ihre Frage zu beantworten; doch bitte ich Sie dringend, suchen Si^ meine Worte ruhig anzuhören, regen Sie sich nicht auf. Es ist wahr, wie Sie vorhin bemerkten, ich bin Jüdin und rechne mich auch zu Denjenigen, die es ernst mit ihrer Religion meinen. Es kann mir auch nicht in den Sinn kommen, Diejenigen vertheidigen zu wollen, die die heiligsten Satzungen übertreten. —“ „Aber — aber. —* „Frau Rosenbaum" flehte Rosa, indem sie die zuckende Hände der Kranke ergriff. „Gott ist barmherzig. Wer sein Gebot Übertritt und reuig zu Ihm zurückkehrt, den nimmt Er liebevoll auf — und Sie, die Mutter, wollten ihn von sich stoßen? — wollten ihm fluchen? —" Sie hielt inne, forschend hafteten die Blicke der Kranken auf ihrem erregten Angesicht. „Was wissen Sie denn von seiner Reue?" stieß die Greisin endlich hervor. „Was ich von seiner Reue weiß? — Dl wenn Sie ihn sehen wollten. —" „Nein, nein, nein!" wehrte die Kranke hastig ab. „das ist nicht Reue — das ist — das ist der Schrecken über meinen Unfall." „Das ist Reue," versetzte Rosa entschieden. „Ich kann zwar nicht beanspruchen, daß Sie meinen Worten unbedingt Glauben schenken; denn Sie kennen mich nicht; aber wenn ich Ihnen schwöre, sollten Sie es mir dennoch glauben, daß Ihr Sohn schon seit längerer Zeit auf dem Wege der Besserung sich befindet und daß er gestern schon entschlössen war, daß dieser Sabbat der letzte sein sollte, an dem sein Geschäft geöffnet ist.,, Die Kranke schüttelte ungläubig das Haupt: „Aber — aber. —" „Ich will sein Thun jr nicht vertheidigen." fuhr Rosa mit steigender Erregung fort, „ich will ja nur. daß Sie an seine Reue glauben — wenn Sie sich doch mit eigenen Augen davon überzeugen wollten —" fügte sie zögernd hinzu. Ihr ängstlich bittender Blick haftete av dem Antlitz der Kranken, sie hatte abermals eine abwehrende Bewegung gefürchtet; doch die Unglückliche hatte sich nicht geregt.