Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1877)
- Date
- 1877-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447743--14356-2470262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1160 Leiche des Kindes nach Hause brachte, saß der Rabbiner in seinem Studirzimmer, in welchem sich auch ein heiliger Schrein mit einer Thorarolle befand. Als der Vater die verstümmelte Leiche seines einzigen Sohnes erblickte, riß er die Thüre des Aron hakodesch auf und rief: „Allmächtiger Gott, ich danke Dir, daß Du mich so hoch beglückt hast, daß mein Sohn sein Leben hat hingegeben zur Heiligung Deines großen Namens". Rabbi Tewele hatte in Bamberg einen großen und schönen Wirkungskreis; Bamberg war damals eine namentlich durch Thorakenntniß ausgezeichnete Gemeinde; allein die Verfolgungen eines Apostaten verbitterten ihm das Leben. Der Apostat wurde nicht müde, bei der fürstbischöflichen Regierung den Rabbiner zu verleumden; damals ereignete sich die weltberühmt gewordene Geschichte, daß der Apostat es als ein Verbrechen dargestellt hatte, daß der Rabbiner am Weihnachts - Abend mit seinen Schülern Karten spiele. Die heilige Hermandad überfiel wirklich den Rabbiner; aber es war gerade eine religiöse Anfrage (,t>np) gekommen; der Rabbiner und seine Schüler waren in der Erörterung der rft«» vertieft; die Karten waren vom Tische verschwunden, und Gemara, Alphaßi, Rambam, Tur und Schulchan Aruch lagen aufgeschlagen auf demselben. Wir habest diese einzelnen Züge nur erwähnt, um zu zeigen, in welchen Familien - Traditionen Rabbi Samuel Bondi heranwuchs. — Es war , eine stürmische Zeit, in welcher er geboren wurde; Mainz hatte soeben (1793) jene schreckliche Belagerung üderstanden, die Mainz von der Republik Frankreich lostrennte und den entflohenen Kurfürsten wieder zurückrief. Allein schon 1795 wurde Mainz wieder französisch, und beinahe hätte Rabbi Samuel in die Armee des ersten Napoleon cintreten müssen. Er war schon eingekleidet, als der Sturz des Imperators erfolgte. Als zwölfjähriger Knabe verlor Rabbi Samuel seinen ebenso gelehrten wie frommen Vater; seine Mutter, eine noch jugendliche Wittwe, verschmähte es, einen zweiten Ehebund einzugeben und wies die glänzendsten Anträge zurück; sie lebte nur der Erziehung ihrer drei Kinder, einer Tochter, die sich später nach Bingen verheirathete, und zweier Söhne, von denen der jüngere, der durch seine Gelehrsamkeit und Frömmigkeit rühmlichst bekannte Rabbi Tewele Bondi w nj, seit mehr als sechzig Jahren in Frankfurt wohnt. Der eigentliche Erzieher unseres Samuel war sein Großvater, Rabbi Herz Scheuer. Unter den zahlreichen, bedeutenden Schülern der damals hier in Mainz blühenden Jeschibah — ich nenne nur Rabbi Mendel Karge, Rabbi Mosche Merzig» Rabbi Mosche Reis, Rabbi Bar Scheuer — war Rabbi Samuel Bondi der hervorragendste, der Lieblingsschüler seines Großvaters. — Als zwanzigjähriger Jüngling schloß er den Ehebund mit seiner edlen, frommen Gattin Sophie*), einer gebornen Epstein aus Fulda, mit der er 56 Jahre lang in glücklichster Ehe gelebt hat. Als sein Großvater im Jahre 5583 (1822) starb, übernahm Rabbi Samuel eine Zeit lang die Leitung der Jeschibah; aber die Ungunst der Zeiten versprengte die Schüler. und so widmete sich Rabbi Samuel den Geschäften — er gründete eine Wernhandlung —, aber immerwährend das Geschäft als Nebensache, das Talmudstudium als Hauptsache betrachtend. Sein öffentliches Wirken begann erst im Anfänge der dreißiger Jahre. Es war im Jahre 5591 (1830), als am Versöhnungstage während des Neilah - Gebetes in der großen, alten Synagoge die tcmp n£D aus dem heiligen Schreine, dessen Thüren geöffnet waren, heraus auf die Erde sielen. Welcher Schrecken, welche Angst sich der Gemüther bemächtigte, kann man sich leicht vorstellen. In demselben Jahre wurde von der Regierung, die den sogenannten Fortschritt begünstigte, der damalige Gemeinde-Vorstand seines Amtes entsetzt, statt seiner wurden Männer in die Verwaltung berufen, die genugsam charakterisirt sind, wenn wir mittheilen, daß der Präses des neuen Vorstandes später zum Chriftenthum übertrat. „Reform" auf allen Gebieten ward nun das Losungswort; der alte Rabbiner, Rabbi Löb Ellinger, sollte als „Lungenbesichtiger" beibehalten werden; dagegen sollte das Rabbineramt einem Jünger der damals aufstrebenden „Reform" übertragen werden. Dagegen trat Rabbi Samuel Bondi mit aller Kraft und Energie auf; und seine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt; der neue Vorstand mußte ab» treten, und er selbst wurde mit seinen Freunden, Rabbi Mosche Reis und Rabbi Jakob Levi, an die Spitze der Gemeinde berufen. Fünfzehn Jahre lang vermochte er mit seinen Freunden die Gemeinde in ihrem alten Bestände zu erhalten. Da traten neue Momente ein, die das unmöglich machten. Der Rabbiner, Rabbf Löb Ellinger, starb, und es sollte ein moderner Rabbiner berufen werden; die alte Synagoge war baufällig geworden und sollte durch einen ReforNl'Tempel ersetzt werden. Sieben Jahre währten die Kämpfe; da wurde im Jahre 1853 der mit Orgel rc. versehene Tempel eingeweiht und Or. Aub von Bayreuth (jetzt in Berlin) als Rabbiner berufe». Als Rabbi Samuel sah, *) Sic hieß eigentlich Süßchen; mußte aber nach hierländischen Gesetzen ihren Namen ändern.