Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1877)
- Date
- 1877-11-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447742--14341-2470246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1146 Avd so wie der Donner rollte, mußten sie immer ans den Tisch, und nie ist in unserem Hause auch nur daS kleinste Unglück durch den Blitz geschehen. Darum, ich gestehe es offen, finde auch ich eine Art Beruhigung darin, wenn ich während des Tövens der Elemente diese Bücher auf meinem Tische sehe." „Ich finde das ganz natürlich," fiel Frau Norden ein, „es gibt eben so gewisse Empfindungen, Gefühle, über die man den klaren Verstand freilich nicht zum Richter setzen darf, die aber trotzdem selbst den Aufgeklärtesten beherrschen, und beherrschen müssen, denn eine vieljährige Erfahrung erweist eben ihre Berechtigung. Habe ich einmal seit Jahren wahrgenommen, daß es mir unter diesen Verhältnissen stets geglückt ist. gebietet mir da nicht der gesunde Menschenverstand, daß ich diese selben Verhältnisse stets herbeiführe? — und ebenso wenn das Gegentheil der Fall ist, wenn ich aus eigener Erfahrung oder aus der Anderer weiß, daß gewisse Verhältnisse unglückliche Folgen haben, bin ich da nicht verpflichtet, sie zu meiden, selbst wenn ich mit meinem Verstände nicht im Stande bin, einzusehen, warum gerade diese oder jene Verhällniffe unglückliche Folgen haben müssen? Dafür sind wir Menschen und der menschliche Verstand ist eben nicht fähig. Alles zu ergründen. Erinnerst Du Dich nicht, Norden, als wir vor zwei Jahren zufällig bei Wsigert's zu Besuch waren, es kamen noch ein paar Freunde; alle waren sehr lebhaft und heiter und Frau Weigert bestand darauf, wir mußten fämmtlich zum Abendbrod bleiben. Ich begreife noch heute nicht, wie wir sämmtlich es übersehen konnten, aber Thatfache ist, wir hatten es übersehen und erst beim Fortgehen machte Kapellmeister Moser die Bemerkung, daß wir zu dreizehn bei Tische gewesen. Ich war gleich zu Tode erschrocken, doch mein Cousin und die jungen Damen Weigert wsüten die starken Geister spielen und spotteten meines Schreckens. Aber das Unglück war bereits geschehen; am folgenden Tage erlag Moser einem Schlaganfall. Daß dieser Tod eine Folge dieser unglückseligen Abendgesellschaft, wer könnte das in Abrede stellen und doch ist gewiß Niemand im Stande zu erklären, warum von einer Tischgesellschaft, die dreizehn zählt, stets Einer sein Leben lassen muß." „Das find' ich nun gerade nicht so unerklärlich," fiel Rosa ein» „Du weißt doch, Mama, als der Stifter der chr. Religion zum letzten Mal mit seinen Jüngern beisammen war, da waren alle zwölf Apostel zugegen, sie waren also dreizehn und der Herr hatte sich dem Opfertod geweiht. Ist eS da so auffallend, daß für alle Zeiten die Zahl dreizehn eine Todesbotschaft enthält? „Die Erklärung ist einleuchtend," erwiderte Frau Norden, „und ich bin Dir in Wirklichkeit verbunden, liebes Kind, Du hast mir da eine Frage beantwortet, über die ich bereits viel gedacht. Doch es gibt noch andere Fragen, die zu beantworten in Wirklichkeit unmöglich ist. Warum z. B. heirathet man nicht im abnehmenden Mond? Die Antwort ist sehr einfach, weil die Erfahrung lehrt, daß Ehen, bei abnehmendem Mond geschlossen. keine glücklichen sind. Das ist also Thatsache; aber kann mir Jemand vielleicht erklären, welcher Art der Einfluß ist, den der Mond doch thatsächlich auf die Eheschließung übt? — Es ist das ungefähr eben so wie bei der Erscheinung von Ebbe und Fluch. Wir wissen auch, baß diese interessante Erscheinung durch den Einfluß des Mondes bedingt ist; aber können wir uns die Art dieses Einflusses erklären? Doch gewiß nicht. Ebenso wenig als wir mit Bestimmtheit sagen können, was die Sternschnuppen eigentlich sind oder woher die Meteore sein können. Wir sind eben Menschen und Göthe sagt doch so schön: in das Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist." Frau Norden hatte in ihrer gewöhnlichen Weise, d. h. mit großem Pathos gesprochen; ihr Gatte schlang den Arm um ihre Taille. „Du hast mir aus der Seele gesprochen, liebe Louise; kein Professor hätte die Sache klarer beweisen können." Doch um die Lippen seiner Lieblingstochter zuckte es seltsam, sie schien von der Beweisführung ihrer Mutter ebensowenig überzeugt, wie sie das Citat als richtig anerkennen konnte. Der Ausspruch, den die Mutter dem großen Dichter unterschob, wird ja gerade von Göthe persifflirt; doch keiner ihrer Angehörigen ahnte ihren Zweifel, war es doch die Anschauungsweise ihrer Eltern, die sie innerlich nicht anerkennen mochte. „Du mußt mich nicht mit einem Professor vergleichen," erwiderte Frau Norden lächelnd, „Du weißt, ich liebe es nicht, für eine Gelehrte gehalten zu werden." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).