Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1877)
- Date
- 1877-11-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1145 England. London» Fraul. Hannav.Rothschild hat der jüdischen Freischule zur Erinnerung an ihre verstorbene Mutter, Baronin Mayer, 1000 L. überschickt. (Jew. World.) Feuilleton. Licht »vd Schatte«. Erzählung von Friedrich Rott. XII. Die Herren schüttelten einander die Hände und der junge Mann eilte fort. Die bereits erwähnte Droschke hatte sich schon wieder in Bewegung gesetzt, er mußte eilen, wenn er sie erreichen wollte, doch es glückte. Er stieg ein, bezeichnete dem Droschkenführer die Wohnung seines Onkels und der Wagen rollte davon. Eduard schloß beide Fenster, denn das Gewitter hatte an Vehemenz 'noch zugenommen; der Donner folgte dem Blitz fast im Moment und ein wolkenbruchartiger Regen stürzte in Strömen hernieder. Eduard lehnte in der Wagenecke, es war ihm doch gar seltsam und gar nicht besonders behaglich zu Muthe bei dieser seiner ersten Fahrt am Sabbat und in einem solchen Wetter. Doch er pfiff sich seine Lieblingsarie aus einer der neuesten Opern und nachdem er sie zu Ende gepfiffen, wiederholte er sie laut singend und das stählte in wunderbarer Weise seinen Muth. Die Pferde liefen vortrefflich und in einer Viertelstunde hatte er die Wohnung seines Onkels erreicht. Es war ein schönes, stattliches Wohnhaus, das sich an das Fabrikgebäude anschloß. Eduard traf die Familie seines Onkels in dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer, einem großen, schönen, mit geschmackvoller Eleganz wohnlich eingerichteten Raume. Sein Onkel, Fabrikbesitzer Norden, ein kräftiger Mann im besten Mannesalter, befand sich doch bei heftigem Gewitter stets in einer Art nervöser Aufregung, die er vergebens zu verbergen sich bemühte. Er pflegte zu solchen Zeiten seine Familie aufzusuchen, mit Frau und Töchtern zu plaudern oder auch die letzteren zum Musiciren zu veranlassen. Auch heute saß Bertha, seine jüngste und Lieblingstochter, am Clavier, während Pauline und Rosa, ihre Schwestern, ein Duett sangen. Norden, die brennende Cigarre im Munde, lehnte im Fauteuil. Als Eduard in's Zimmer trat, hatten die jungen Damen soeben ihren Gesang beendet und mit herzlicher Freundlichkeit begrüßten Alle den jungen Verwandten. Der Onkel reichte ihm die Hand und forderte ihn auf, sich neben ihn zu setzen. „Du bist wirklich ein treuer Neffe, in solchen^ Wetter diesen weiten Weg herauszukommen, das mache ich Dir nicht nach, das ist in der That eiü anerkennenswerthes Opfer." „Das ich mir selbst gebracht," versetzte Eduard lächelnd, „ich hatte Sehnsucht nach Euch allen und ließ mich daher von der ungünstigen Witterung, nicht abhalten." Er hatte bei diesen Worten unwillkürlich eines der Bücher geöffnet, die auf dem Tische lagen. „Aber was ist das, Onkel?" rief er voll Staunen, „das ist ja Hebräisch." Norden erröthete leicht. „Nun, ich denke, das sollte Dir nicht fremd sein." „Freilich nicht, das sind ja die fünf Bücher Mosis, ich habe oft genug darüber ochsen muffen. Aber was in aller Welt sollen sie auf Deinem Tische?" Norden erröthete noch mehr und bemühte sich, eine frische Cigarre anzubrennen. „Aber bist Du denn ein solcher Ignorant?" rief Pauline, „daß Du nicht weißt, daß 'man beim Gewitter die hebräische Bibel auf den Tisch legt?" Eduard schüttelte den Kopf. „Und warum thut man das?" „Nun, damit es nicht einschlägt." „Du bist eine kleine Schwätzerin," fiel Norden verlegen lächelnd ein. Warum, Papa? legst Du denn vielleicht aus einem andern Grunde die hebräische Bibel auf den Tisch? ich habe es immer geglaubt, und wenn Du während eines Gewitters nicht zu Hause bist, so lege ich immer den Rosenkranz auf den Tisch, das ist auch gegen das Einschlagen. Aber wenn die Bibel auf dem Tisch liegt, dann glaube ich immer, wir wären schon geschützt, nur wenn das Gewitter gar zu arg ist, lege ich den Rosenkranz daneben." Eduard unterdrückte nur mit Mühe ein Lächeln, doch er empfand zu innige Verehrung für seinen Onkel, als daß er auch nur durch das Zucken seiner Mundwinkel seinen Spott verrathen hätte. „Man muß nicht Alles so haarscharf erklären wollen," sagte Norden. „Es ist eigentlich nur aus Pietät gegen meine seligen Eltern, daß ich diesen unschuldigen Gebrauch, beim Gewitter die fünf Bücher Mosis auf den Tisch zu legen, beibehalte. Meine Eltern waren nämlich streng religiös, haben nicht die kleinste Ceremonie außer Acht gelassen; die heiligen Bücher waren ihre Lieblingslectüre