Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1877)
- Date
- 1877-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1140 Unsere geehrten Leser ersehen, wie schwer der Sinn dieses Ausspruches der Weisen zu erfassen ist. Auf den ersten Blick erscheint es doch mehr als gleichgiltig, ob die Harfe sieben, acht oder zehn Saiten hat; auch die Belegstellen aus der heiligen Schrift sind schwer zu' verstehen. Die Harfe im Heiligthum soll deßhalb sieben Saiten gehabt haben, weil es heißt tjs nr< nino» j/ai»; und nun gar das yatp yzw npn d«! Sieht das nicht aus wie reine Willkür? Leute, die von der Heiligkeit und Wichtigkeit des Talmudwortes nicht durchdrungen sind, würden es Spielerei nennen. Die geehrten Leser des „Israelit" aber wissen, daß jeder Ausspruch im Talmud von größter und gewichtigster Bedeutung ist. Ueber eine ganze Reihe von 'ipe, hu hat der durch feine gediegenen halachischen Werke weltberühmte Districtsrabbiner Bamberger in Würzburg ein eigenes Werk (no*o K-np) geschrieben, in welchem er in geistvoller Weise den Nachweis führt, daß jede Willkür unfern Weisen in dieser wie in jeder Beziehung ferngelegen. Auch in dem vorliegenden Ausspruche! zeigt sich die erhabenste Weisheit; versuchen wir,! ihn zu erklären. j Zu diesem Zwecke wollen wir. zunächst einen I schwerverständlichen Psalmvers in Betracht ziehen.; Es steht im 86. Psalm:! Kiew ’wd: P p *pay weu notp j „Erfreue die Seele Deines Dieners, denn zu Dir, o Herr, erhebe ich meine Seele." Die Begründung im Schlußsätze ist unver- . stündlich. Weil ich meine Seele zu Gott erhebe, j deßhalb soll Gott meine Seele erfreuen?! Um das zu verstehen, müssen wir zunächst den j Begriff der nnew, der Freude, erörtern. Am Aus-! führlichften spricht sich darüber König Salomo im i Buche Kohelet aus. Dort heißt es im Anfänge j des zweiten Capitels: „Ich sprach in meinem Her-! zen: ich will mich der Freude ergeben und so. das j Gute schauen; und siehe, auch das war eitel. Zum , Scherz sprach ich: du bist verwirrt (’^ino, siehe , Raschi), und zur Freude: was nützet sie? Ich grü-! belte in meinem Herzen, meinen Körper mit Wein; zu erfreuen . ... ich baute mir Häuser, pflanzte mir Weinberge .... schaffte mir Sänger und Sängerinnen an und was sonst die Menschen für vergnüglich halten .... und Alles, was meine Augen verlangten, versagte ich ihnen nicht, nicht hielt ich zurück mein Herz von jeder Freude, denn mein Herz sollte froh werden von allem meinem Bemühen, und dies war der Endzweck von allem meinem Bemühen." Zu dem Schlußworte bemerken unsre Weisen im Midrasch: pDpi bw myp m ,'dvy tpo pbn 'p rm „Und dies war der Endzweck von allem meinem Bemühen, das war nichts Anderes als eine Schüssel voll Graupen." Unsere geehrten Leser mögen verzeihen, daß wir die schwierigen Midraschim so nacheinander ihnen vorführen; sie werden aber bald erkennen, daß das Eine zur Erklärung des Andern nothwendig ist; wir sind weit davon entfernt, vom Hundertsten in's Tausendste zu gerathen und verlieren den Faden nicht einen Moment aus den Augen. Der große Grammatiker und Sprachforscher Rabbi David Kimchi (p"“n) erklärt im Namen des Rabbenu Jonah den Begriff nno^, Freude, folgendermaßen : inrx p"t noa» ido mpsnDnn mo in: nnotc? new loa nnota ni£Din «in pirw ,ip^>na nojwi wy .pmtp nsü P"t nnotp, Freude, ist nichts anderes als Genügsamkeit, wie unsre Weisen sagen: Wer ist reich? Derjenige, welcher sich freut mit seinem Theile; pintp, Lachen, Scherz, ist die Vermehrung der Freude, wie unsre Weisen sagen prw nso, das ist nso, eine Faust breit, pro» nso, eine lachende Faust, das heißt: etwas mehr als eine Faust breit. Legen wir nun diesen Maßstab an die Schilderung im Buche Kohelet an. Durch Nachdenken und Experimentiren wollte der Weise den Begriff der Freude feststellen. Er fand, daß Alles, was man gewöhnlich als Freude bezeichnet, was im Genuß und im Besitze wurzelt, nur Leiden und Schmerzen in sich birgt. n:i*n nano D’ddj naio, jemehr Güter, destomehr Sorgen; ya2"&6*)Da amx ^)D3, jemehr Geld, destomehr Gier nach Geld, und daß nur die äußerste Genügsamkeit den Menschen vor unendlichen Leiden bewahrt. po’-u per myp n? ,'^oy ^>3v 'pbrt 'p m eine Schüssel Graupen genügt, den Hunger zu stillen, den Körper zu ernähren; man bedarf dazu keiner Leckerbissen, nicht Tafelmusik, nicht prächtiger Schlösser, nicht herrlicher Gärten, nicht Gesang und Tanz. Alles, was mehr ist, als die einfache Befriedigung der Bedürfnisse, ist nicht mehr nnotp, Freude, es ist pint? und diese ist Pvi.iv, wie Raschi erklärt nnjKi ’aaa aaroya, gemischt mit Weinen und Seufzen. Wenn dem aber so ist, daß nämlich der Begriff der wahrhaften, wirklichen Freude mit dem der Genügsamkeit identisch ist, warum hat Gott den Trieb' der Unzufriedenheit in unser Herz gelegt, warum sehnen wir uns stets nach mehr und begnügen uns nicht mit der einfachsten Befriedigung unsrer Bedürfnisses Weil die äußerste Genügsamkeit einen verderblichen Stillstand zur Folge haben würde. Ohne den dem menschlichen Herzen eingepflanzten Trieb