Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1877)
- Date
- 1877-11-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1121 „Aber Hochwürden meinten doch —" „Lieber junger Freund, zwischen meinen und rathen ist ein Unterschied. Rathen würde ich keinem Sohn, dem Befehle seines Vaters sich zu widersetzen. Aber wenn Sie mich fragen, ob Sie verpflichtet sind, um der Marotte Ihres Vaters willen Ihr Glück auf's Spiel zu setzen, so muß ich darauf allerdings mit einem entschiedenen Nein antworten." „Das genügt mir," murmelte Eduard, „ich werde noch heute mit meinem Onkel darüber sprechen. Er theilt auch Ihre Ansicht, Herr Doctor, doch wollte ich in einer so wichtigen Angelegenheit auf seinen Rath allein mich nicht verlassen. Da jedoch auch Herr Doctor —" „Bitte, bitte, Herr Grün, wollen Sie nicht abermals meine Meinung mit meinem Rathe verwechseln. Wie gesagt, rathen könnte ich Ihnen schon deßhalb nicht, sich mit Ihrem Vater zu Überwerfen, weil Sie doch noch minderjährig und Ihr Vater daher die Macht hat, Sie zu zwingen." „Ach, das wird er nicht," entgegnete der junge Mann mit Bestimmtheit. „Wüthen wird er. toben — aber was schadet das mir, wenn ich nicht daheim bin? Sein Haus werde ich wohl eine Zeit lang meiden müssen," fügte er mit halbunterdrücktem Seufzer hinzu, „aber durch die Polzei wird er mich nicht dahin zurückbringen lassen," „Das glaube ich auch nicht," erwiderte der Doctor. Eduard blickte zum Fenster, an das der Regen prasselnd schlug, „Es ist ein entsetzliches Unwetter, wenn es nur bald nachließe, ich möchte so gern hinaus zum Onkel, ihn von meinem Entschluß in Kenntniß zu setzen. Er wird Ew. Hochwürden sich verpflichtet fühlen, wenn ich ihm mittheile, daß Ihr Rath, wollte sagen Ihre Ansicht, mich der seinen geneigt macht." Der Doctor nickte lächelnd mit dem Kopf. „Meine Ansicht, junger Freund, meine Ansicht. Aber was wollte ich denn noch sagen?" fuhr er nach einigen Augenblicken fort, „ja, ich erinnere mich schon. Lieber Freund, Sie könnten mir eine Gefälligkeit erweisen." „Mit dem größten Vergnügen, Herr Doctor. Wollen Sie über mich verfügen!" Der Doctor verneigte sich dankend. „Ich habe gehört, Ihre älteste Cousine wäre Braut." „So ist'S, heute über acht Tage wird die Hochzeit fein." „Wird die Vermählung hier stattfinden?" „Bermuthlich. Da auch der Bräutigam hier ist, wüßte ich wenigstens nicht, wo sie sonst sein sollte." „Freilich, freilich. Da auch der Bräutigam hier ist, so ist wohl mit Bestimmtheit anzunehmen, daß die Feier hier stattfindet. Da könnten Sie mir eine Gefälligkeit erweisen, lieber Freund. Ich habe zwar nicht die Ehre der persönlichen Bekanntschaft Ihres Herrn Onkels; doch nach Allem, was ich über ihn vernommen, muß er in Wirklichkeit ein Ehrenmann sein. Da wäre es mir nun außerordentlich angenehm, wenn er mich mit der Trauung seiner Tochter beehren würde." Der junge Mann sah den Geistlichen verwundert an. „Herr Doctor möchten meine Cousine trauen?" „Es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie, lieber Freund, vielleicht mit Ihrem Onkel darüber sprechen würden." „Aber ich bitte, Herr Doctor, das wäre ja doch nicht gut möglich." „Und warum sollte das nicht möglich sein, Herr Grün?" „Wissen denn Herr Doctor nicht, daß meine Cousine Christin ist?" „Christin?" rief der Geistliche staunend, „nein, bei Gott! das war mir vollständig fremd. Wann hat sie sich denn taufen lassen?" „Sie hat sich gar nicht taufen lassen, sie ist als Christin geboren." „Ihre Cousine ist als Christin geboren? Sie sprechen in Räthseln, junger Freund, das müssen Sie mir doch näher erklären." „Ich glaubte, Sie wären mit den Verhältnissen meines Onkels bekannt," entgegnete Eduard. „Doch da dem nicht so ist, dürfte es Sie allerdings interessiren, Näheres über dieselben zu erfahren." „Mein Onkel," fuhr er fort, „machte als junger Mann die Bekanntschaft einer jungen, reichen Wittwe. Es entspann sich ein zärtliches Verhältniß zwischen Beiden und bald hatten sie einander ewige Liebe und Treue geschworen. Doch die Wittwe war Christin, mein Onkel Jude, und obgleich er durchaus nicht zu den Orthodoxen zählt, konnte er sich doch nicht entschließen, durch einen Meineid zu einer andern Religion, an die er ebenfalls nicht glaubt, sich zu bekennen. Mischehen waren damals noch nicht gestattet und so kamen die Verlobten überein, sich beide confessionölos zu erklären und dann eine Civilehe einzugehen. Nach der Trauung trat ein Jedes zu seiner früheren Confessio« zurück." „Die Wittwe hatte auch ein Töchterchen mit in die Ehe gebracht, und diese Stieftochter meines Onkels ist natürlich Christin, aber es herrscht trotzdem das innigste Berhältniß unter ihnen und ich haba. sie von jeher als meine Cousine betrachtet. Eben diese Cousine wird sich nächste Woche verheirathen. Hochwürden begreifen daher, daß e-