Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-11-21 · Heft 47 (21.11.1877) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 47 (21.11.1877)
Date
1877-11-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447741--14318-2470222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1120 einen Reservefond zu behalten suchen, um auf die Ausgaben gerüstet zu sein, welche die Wiedereinrichtung dieser Unglücklichen erfordern wird, sobald dieser schreckliche Krieg zu Ende sein wird. Wenn das Central-Comitä meine Vorschläge billigt, so bitte ich es mir telegraphisch anzuzeigen. Genehmigen Sie rc. Veneziani. Das Central-Comitä hat den von H. Veneziani geforderten Credit von 12,300 Fr. bewilligt. (Schluß folgt.) Feuilleton. Licht und Schattra. Erzählung von Friedrich Rott. XI. Wir haben bereits"erwähnt, daß Eduard Grün die Absicht hatte, seinen Onkel zu besuchen. Er hatte sich auf den Weg gemacht, und zwar ebenfalls in einer gewissen Erregung, und darüber hatte er vergessen, den Rath, deßl er seinen Geschwistern ertheilt hatte, selbst zu befolgen. Trotz des drohenden Gewitters hatte er nicht daran gedacht, sich Mit einem Schirm zu versehen. Einzelne fallende Regentropfen brachten ihn erst zum Bewußtsein seiner Unachtsamkeit, doch er befand sich bereits zu fern von seiner Wohnung, um dieselbe vor Ausbruch des Unwetters wieder erreichen zu können. Glücklicherweise erinnerte er sich, daß die Wohnung seines hochverehrten Freundes , des Doctor G...., in der Nähe, und er eilte, sich dorthin zu flüchten, denn die Tropfen sielen immer rascher und größer. In liebenswürdiger Weise begrüßte der Seelsorger seinen jugendlichen Verehrer. „Seien Sie mir von Herzen willkommen, mein lieber junger Freund, und nehmen Sie meinen besten Dank, daß Sie mir trotz des Unwetters die Freude Ihres Besuches schenken; oder habe ich am Ende gar dem Gewitter diese Freude zu danken?" Eduard erwiderte erröthend, daß er allerdings für dieses Mal weniger als Besucher denn als Schutzsuchender die Gastfreundschaft des Doctors habe in Anspruch nehmen wollen, da er auf dem Wege zu seinem Onkel von dem Regen überrascht worden. „Seien Sie mir nichts desto weniger von Herzen willkommen. Aber bester Freund, sagen Sie mir nur, nie kann man so leichtsinnig sein. Seit bereis einer Stunde hat sich der Himmel mit Regenwolken überzogen und Sie wollen hinaus in eine so entfernte Vorstadt und versehen sich nicht einmal mit einem Regenschirm. Sie hätten sich den Tod holen können durch eine Erkältung, ist das erlaubt?" „Sie haben recht, Herr Doctor, ich habe leichtsinnig gehandelt. Aber ich war so erregt über die Engherzigkeit meines Vaters." „Wie, Ihr Herr Vater hatte es Ihnen gewehrt, sich eines Schirmes zu bedienen bei solchem Wetter? nicht möglich!" „Nicht möglich? Herr Doctor wissen nur allzuwohl, daß' es allerdings möglich. Mein Vater gehört zu den Orthodoxen, d. h. er kümmert sich weder um das Glück noch um die Gesundheit seiner Kinder, wenn es sich darum handelt, gegen irgend eine seiner verrotteten Anschauungen auch nur den leisesten Verstoß zu begehen." Seufzend schüttelte der theilnehmende Seelsorger das schön frisirte Haupt. „Im neunzehnten Jahrhundert, dem Jahrhundert des Fortschrittes und der Aufklärung, dieser krasse Aberglaube, dieser Fanatismus! — man sollte es gar nicht für möglich halten, und noch dazu bei einem Manne wie Ihr Herr Vater, der in allem Uebrigen so vernünftig, so einsichtsvoll. — Wie ist's denn, haben Sie noch nicht die Einwilligung Ihres Herrn Vaters erhalten. in das Geschäft Ihres Onkels einzutreten?" Eduard verneinte mit schmerzlichem Seufzer. „Ich habe sie nicht erhalten und werde sie auch nimmer erhalten. Aber ich bitte Sie, Herr Doctor, sagen Sie mir doch einmal aufrichtig, bin ich denn eigentlich verpflichtet, in einem Falle, in dem eS sich um das Glück meines jungen Lebens handelt, mich um die Marotte meines Vaters zu kümmern?" Der Geistliche sah ihn einige Augenblicke forschend an, indem er mit der Rechten sein volles, glattrasirtes Kinn liebkoste. „ES steht allerdings geschrieben: Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest. Aber trotzdem haben unsere Weisen es ausgesprochen, daß in Fällen, wo es sich um die Wahl der Gattin, also um das Glück des Lebens handelt, die Einsprache der Eltern nicht in Betracht zu kommen braucht. Betrachten wir diesen Ausspruch als normgebend, so müßte selbst Ihr rigoroser Vater Ihre Frage verneinend beantworten. Freilich handelt es sich bei Ihnen noch nicht um die Wahl der Gattin, aber doch um eine Frage, von der Ihre ganze Zukunft abhängt." „Freilich, freilich," bestätigte Eduard, „Herr Doctor würden mir demnach rathen —" „Bitte, bitte, mein junger Freund, von meinem Rath war bisher noch nicht die Rede."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.