Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1877)
- Date
- 1877-11-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1102 geschwunden sein, morgen würde ihr Jakob vollständig gerechtfertigt dastehen. Nachdem sie das Gebet beendet, einige kalten Speisen aus der Reisetasche zu sich genommen hatte, sucht sie ihr Lager auf und zum ersten Mal in dieser Woche erfreute sie sich eines ruhigen Schlummers. Die Sonne war schon ziemlich hoch am Himmel, als sie erwachte, im ersten Augenblick vermochte sie sich nicht zu entsinnen, wo sie sich befand. Das fremdL^Zimmer, der ihr^ungewohnte Lärm, das unaufhörliche Wagengerassel auf der Gasse, es währte einige Zeit bevor sie sich erinnerte, doch als sie sich erinnerte, erhob sie sich rasch; es war ja bereits in der neunten Stunde. Ihre einfache Toilette war bald beendet, dann verrichtete sie das Morgengebet, nahm wiederum aus ihrer Reisetasche ein leichtes Frühstück ein und schickte sich an zu dem entscheidenden Gange. Wie ihre Hände bebten, als sie den seidenen Ueberwurf, das neueste Geschenk ihres Sohnes, um sich nahm, sie grollte mit sich selbst, daß sie dieser übergroßen Erregung nicht Herr zu werden vermochte; doch das war ihr unmöglich. Bebend verließ sie das Zimmer, bebend betrat sie die Straße. Sie hatte sich die Richtung, in der das Verkaufsgewölbe ihres Sohnes sich befand, gestern bei ihrer Ankunft wohl gemerkt; — langsamen Schrittes wandte sie sich dorthin. Wie laut das Herz ihr pochte, sie glaubte es zu hören, trotz des betäubendem Lärmens, das sie umgab. — Aber eben dieser Lärm that ihr im Augenblicke wohl, machte ihr das Sinnen geradezu unmöglich. Langsam, ganz langsam schritt sie weiter, immer sich dicht an den Häusern haltend, das Ge^ wölbe, das sie suchte, lag ja an derselben Seite. — Sie hätte es mit dem^licke schon erreichen können, doch so oft sie sich auch sagte, daß sie überzeugt sei, sie werde es geschlossen finden, es war ihr, als dürfe sie das Auge nicht heben. Doch endlich, endlich mußte sie sich Gewißheit schaffen, hatte sie doch nur aus diesem Grunde die Reise unternommen. — Warum zögerte sie nur jetzt? — sie wußte es selbst nicht. Muth, Muth, nur einen Moment noch und Friede und Glück wird wieder zurückkehren in ihr Herz. — Sie dachte es und hob entschlossen den Blick, befand sie sich doch beinahe unmittelbar vor dem Gewölbe ihres Sohnes — aber nicht vor dem geschlossenen. Beide Thüren waren weit geöffnet und in der geräumigen Halle herrschte reges Leben. Fin Schrei des Entsetzens entrang sich ihrer Brust, doch in dem rauschenden Verkehr beachtete ihn keiner. Das Wehe zu beschreiben, das in diesem Augenblick das Mutterherz erfüllte, das vermag keine Feder. — Hätte man ihren Sohn, ihren einzigen Sohn als verstümmelte Leiche ihr in'S Haus gebracht, diesen wilden Schmerz hätte sie doch nicht empfunden. Schwankenden Schrittes eilte sie weiter, immer weiter, wohin? — sie wußte es selbst nicht. Sie achtete nicht der sich kreuzenden Carossen, das Toben des Gewühls drang kaum an ihr Ohr, dahin eilte sie, als vermöchte sie den Qualen ihres Innern zu entrinnen. Mehrere Straßen kreuzten sich; ohne es zu ahnen war Frau Rosenbaum im Begriff, diese Kreuzung zu durchschreiten, als in rasendem Galopp eine Droschke ihr entgegenfuhr. Einige Passanten riesen der Alten zu, sich seitwärts zu wenden — sie vernahm es nicht — ein Mann sprang herbei sie mit Gewalt der Gefahr zu entreißen — doch zu spät, die Pferde hatten sie bereits zur Erde gestoßen, ein Rad war über die Unglückliche gerollt — bewußtlos lag sie am Boden. Im Nu hatte sich ein Kreis theilnehmender Menschen um sie gesammelt; der Schuld tragende Kutscher hatte im Galopp davon jagen wollen; einige der Umstehenden waren ihm in die Zügel gefallen, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Der im Wagen sich befindende Herr sprang voll Entsetzen heraus, sich mit eignen Augen von dem Unglück zu überzeugen. — Ein im Vorübergehen begriffener Arzt, von den Umstehenden angehalten, war um die Bewußtlose bemüht und traf eben Anordnungen, sie vorläufig in das nächst wundärztliche Officin tragen zu lassen. „Ist die Unglückliche einem von Ihnen bekannt?" fragte der eben hinzutretende Herr. Niemand bejahte diese Frage. Da trat er selber näher, neigte sich über die dem Anscheine nach Leblose und warf einen Blick in das bleiche, verzerrte Gesicht. Mit gellendem Aufschrei taumelte er zurück, er hatte seine Mutter erkannt. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).