Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1877)
- Date
- 1877-11-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1101 Frau Rosenbaum dem Strom der Reifenden, mit dem sie bald den Ausgang des Bahnhofs erreichte. „Fahr mer Eier Gnoaden? fahr mer Eier Gnoaden?" ertönte es von den Lippen der Rosselenker, die in weitem Halbkreise neben ihren Wagen stehend, die Ankommenden aufforderten, sich derselben zu bedienen. „Gibt es in der A.-Straße ein Hotel? fragte Frau Rachel einen ihr zunächst Stehenden. „Ei freili, Eier Gnoaden, das Hotel de PEurope ist ja mitten in der A.-Straße." „So fahren Sie mich in das Hotel." Die Alte stieg ein und fort rollte der Wagen durch die schönen belebten Straßen der Residenz. So ermüdet, so in sich versunken, Frau Rachel auch war, der Anblick, der sich ihr hier bot, erregte momentan ihr Interesse. Unwillkürlich wendete sie den Blick bald rechts, bald links, überall die schönsten, reichhaltigsten Auslagen, wie sie dergleichen nie gesehen, und überall dieses Wogen von Menschen, so daß sie beständig sorgte, die wie im Fluge dahin rasenden Pferde könnten die Fußgänger verletzen. Oft schrie sie laut auf vor Angst und beschwor den Kutscher, langsamer zu fahren. Doch in dem Lärm der Großstadt verhallte ihre schwache Stimme, und ihre Angst war auch in Wirklichkeit unbegründet; mit sicherer Hand lenkte der Droschkensührer die muthigen Thiere. Doch Frau Rachel schloß voll Entsetzen die Augen, aber sie öffnete sie bald wieder, als der Kutscher ihr zurief, daß er im Begriffe sei, um die Ecke der H.-Straße zu wenden. Wie electrisirt schnellte sie empor und hatte nun kein Auge mehr für das Gewühl der Menge, noch für die dahin jagenden Pferde, alle ihre Aufmerksamkeit war den an beiden Seiten der Straße befindlichen Verkaufsgewölben zugewendet. Mit fieberhafter Hast und wild pochendem Herzen las sie die Aufschriften der Schilder. Und stehe, siehe dort an der rechten Seite der Straße jenes Gewölbe mit den Spiegelscheiben „Jakob Rosenbaum, Herren-Garderobe- Magazin." Die Alte schrie ^auf, sie glaubte im Vorüberfahren ihren Sohn erkannt zu haben. Sie preßte die Hand auf's Herz, es pochte zu stark. — Noch einige Minuten, und der Wagen hielt vor dem erwähnten Hotel. Nachdem sie dem Droschkenführer die von ihm verlangte dreidoppelte Fahr-Taxe ohne irgend welche Bemerkung bezahlt, war dieser ihr mit besonders achtungsvoller Höflichkeit beim Aussteigen behilflich, trug ihr Handgepäck bis zum Eingang des Hotels, wo er den Portier aufforderte, der Dame ein Zimmer anweisen zu lassen. Sie verlangte und erhielt eines nach der Straßenseite hin gelegenes. Kraftlos vor Ermüdung und Erregung war sie alsbald gezwungen, sich auf's Canapee zu legen, obgleich sie beabsichtigt hatte, sich an eines der Fenster zu postiren, um vielleicht noch auf einen Augenblick ihres Sohnes ansichtig zu werden. Ihr war so weh, so unaussprechlich weh. — Wer ihr noch vor acht Tagen gesagt hätte, daß sie sich in derselben Stadt und in derselben Straße mit ihrem Sohn, kaum zehn Hauser von ihm entfernt befinden könne, ohne zu ihm zu eilen. — 0, wie sehnte sie sich nach ihm. — Aber nur noch bis morgen, bis morgen — wenn es nur erst morgen wäre und wenn sie dann vor dem Verkaufsgewölbe ihres Sohnes vorübergehen würde und dasselbe geschlossen finden würde — ein Strom von Thranen entstürzte ihren Augen, als sie sich diesen Moment vergegenwärtigte, indem sie sich mit eigenen Augen überzeugt haben würde, daß all ihr Sorgen und Fürchten unbegründet, daß ihr Sohn noch festhalte an den Satzungen der Väter. Und wie ihr Sohn staunen würde, wenn sie so plötzlich in seine Wohnung treten würde. — Freilich verhehlte sie sich nicht, daß trotz der Freude, die er im ersten Moment wohl empfinden würde, der Zweifel an ihm, der sie zu dieser Ueberrafchung veranlaßte, ihn schmerzen müsse. — Doch das vermochte sie nicht zu ändern. Sie mußte sich Gewißheit verschaffen. Das war sie sich selbst, ihrer Ruhe, ihrem Glücke schuldig. Und ihre Liebe sollte ihm reichlich vergelten, daß sie an ihm gezweifelt. — Sie vergegenwärtigte sich die Ueberrafchung ihres Sohnes, und wie er in seiner sanften ehrerbietigen Weise es sie gar nicht merken lasten wird, daß ihr Zweifel ihn gekränkt. — Sie überlegte, was alles sie ihm sagen würde, und beinahe gelang es ihr, sich selbst zu überreden, daß sie selbst eigentlich nie an ihm gezweifelt, daß sie diese ganze Ueberrafchung nur ersonnen, um mit noch größerer Entschiedenheit jede Verleumdung gegen ihn zurückweisen zu können. Dieser Gedankengang hatte sie wunderbar beruhigt und gekräftigt; sie fühlte sich wieder frisch und leicht. Sie erhob sich und blickte auf die Uhr. Der Sabbat nahte. Rasch ordnete ste die wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich führte, stellte zwei Kerzen auf den Tisch und sprach das Gebet. Ein seltsames Gefühl überkam sie doch, als sie so ganz allein in der fremden Stadt den Sabbat willkommen hieß. — Doch sie war ja eigentlich nicht allein, wenige Häuser von ihr weilte der Sohn — und morgen, morgen würde aller Zweifel