Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1877)
- Date
- 1877-11-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1100 vüny, als Vertreter des OrtsrichterS, ferner der Geschworne Georg Sündor und ein ComitatSpandnr in das Zimmer meines Wirthes, um Hausdurchsuchung zu halten. In Folge des Protestes der Hausfrau ging die Commission aus dem Zimmer hinaus, aber draußen auf dem Hofe wurde Stall, Küche. Rauchfang, mit einem Worte: jeder Winkel durchsiöbert. Anfangs gaben die Leute auf die Frage nach ihrem Begehren gar keine Antwort; späterhin indeß sagten sie, daß sie auf der Suche nach einem — Kinde seien. An dem erwähnten Tage nämlich kam ein Porcsalmaer Weib nach Györtelek, um Bretter einzukaufen und brachte ein etwa vierjähriges Knäblein mit sich. Während sich die Mutter auf dem Platze umthat, verschwand der Knabe. den sie auf dem Wagen zurückgelassen hatte. Die Mutter lief nun jammernd umher, um ihr Kind zu suchen. Johann Radvany that hierbei den weisen Ausspruch: Die Juden hätten Feiertag und zu solcher Zeit bedürfen sie des Blutes; diese hätten demnach das Kind gestohlen. Der weise Mann ging auch zum Richter und forderte ihn auf, eine Durchsuchung der jüdischen Häuser vornehmen zu lassen. Der Richter war krank und er schickte daher einen Stellvertreter mit den im Eingänge Erwähnten. Die jüdischen Häuser wurden nun der Reihe nach durchsucht, die Betten wurden auseinandergeworfen, die Rauchfänge und Oefen durchsucht, ja sogar — die Töpfe. Natürlich ohne Resultat. Da an dem« selben Tage die Untersuchung nicht beendigt werden konnte, so sollte dieselbe am darauffolgenden Tage fortgesetzt werden. Mittlerweile jedoch kam das Knäblein in Görgeny zum Vorschein, wohin es ein Bauer, der eS auf dem Felde umherirrend gefunden, mitgenommen hatte. Es ist ein Skandal, daß ein Gemeindevorsteher, der doch dem Aberglauben entgegenwirken sollte, selber dazu beiträgt, den Unsinn im Volke zu verbreiten. (Remz. Hirl.) Frankreich. Paris. Man berichtet uns zu unserm Erstaunen, daß das consistorielle Wohlthätigkeits- Comilo isr. jungen Leuten Unterstützungen zukommen läßt, welche die öffentlichen Schulen besuchen und am Samstag und an jüd. Feiertagen in denselben arbeiten, obgleich sie durchaus nicht dazu gezwungen sind. (Un. isr.) Eine reiche und generöse Pariserin, welche vor einiger Zeit ihren Mann verloren, Frau Wittwe Adolph Hesse, hat dem Maire des zweiten Arondissements die Summe von 10,000 Fr. übergeben, deren jährlichen Zinsen zur Gründung eines Tugendpreises bestimmt sind. Diesen Preis, speciell den Commnnalschulen für Mädchen im zweiten Arondissement gewidmet, erhält diejenige Schülerin, die im Laufe des Jahres sich durch musterhaftes Betragen und durch viele Beweise kindlicher und frommer Ergebenheit sich ausgezeichnet hat. (Arch. isr.) Amerika. NeW-Uork. In einer von Herrn Harry H. Marks veröffentlichten Verbrecherstatistik der Stadt New-Iork wird constatirt, daß von 1037 Gefangenen, deren Anklagen zum Austrage gekommen sind, der Religion nach 605 Katholiken, 424 Protestanten und' 8 Juden waren. Die Zahl der Juden beträgt 80—100,000 oder ungefähr 10% der ganzen Bevölkerung; zu der Verbrecherklasse stellen sie aber weniger als lO/o. (The Ref. and Jew. Tim.) Feuilleton. Licht uni) Schatte«. Erzählung von Friedrich Rott. X. Es war zum ersten Mal, daß die alte Frau im Eisenbahn-Waggon sich befand; den Sohn hatte sie zwar wiederholt dorthin begleitet, aber^- eingestiegen war sie noch nie. — Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich ihrer, als sie so ganz allein unter lauter fremden Menschen in dem sausenden Zuge dahin rollte und Wiesen und Felder, Städte und Wälder an ihr vorüberflogen. Der Zug durcheilte eine der schönsten Gegenden des Reiches, und die für Naturschönheiten sonst so empfängliche Frau hätte sicherlich die angenehmsten Stunden verbracht, hätte die bange Sorge, die ihr Herz erfüllte, es nicht jedem Genüsse unzugänglich gemacht. In fieberhafter Ungeduld blickte sie unaufhörlich auf die Uhr, hielt sie von Viertelstunde zu Viertelstunde an das Ohr, um sich zu vergewissern, daß das Rad sich bewege, verglich sie auf jeder Station mit der Bahnhofsuhr und staunte jedesmal, daß heute alle Uhren den gleichen trägen Gang gingen. Endlich, nach vollen dreizehn Stunden hatte der Zug das Ziel der Fahrt erreicht. Die Wagenthüren wurden geöffnet; die Passagiere eilten hinaus; fast unwillkürlich folgte