Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1084 Zweck dieser Zeilen also ist, zu gemeinsamen Schritten sowohl in dem speciell vorliegenden Fall, wie. auch in ähnlichen Fällen aufzufordern. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzen. Deutschland. Berlin. Der „Berliner Börsen - Courier" berichtet: „Vor drei Wochen starb in Groß-Strehlitz, Oberschlesien, im Hause seiner dort wohnenden Tochter, der ehemalige Rabbiner der Stadt Pleß, Hirsch Guttmann, in dem seltenen Alter von 108 Jahren. Länger als ein halbes Jahrhundert wirkte er in Pleß als Seelsorger seiner Gemeinde, und erst vor 5 Jahren, als die mit dem äußersten Greisenalter sich einstellende Körperschwäche ihn an der Ausübung seines Berufes gänzlich hinderte, trat er vom Platze und zog. der Wartung und Pflege bedürftig, mit einer Pension von monatlich 8 Thalern zu seiner Tochter nach Groß-Strehlitz. Mehr als 60 Jahre war er alt, aber noch gesund und lebenskräftig, als er sich die Buße auferlegte, fortan keinerlei Fleisch oder Fleischspeisen zu genießen. Mehr als einmal, besonders in den letzten Jahren, wo die zunehmende Abnahme seiner Kräfte nach Aussage der Aerzte eine stärkende Fleischnahrung zur unabweisbaren Nothwendigkeit für ihn machte, trat von Seiten seiner zärtlich besorgten Umgebung dre Bitte an ihn heran, das Gelübde endlich zu brechen, — er aber blieb standhaft bei seinem Gelübde. Als vor etwa 10 Jahren der Kaiser Wilhelm zum Besuch des Fürsten in Pleß war, war es Guttmann's sehnlichster Wunsch, bei Sr. Majestät vorgelassen zu werden. Er wollte den Segen über ein gekröntes Haupt sprechen, weil dies ein Gott wohlgefälliges Werk sei, und trug seine Bitte dem Fürsten von Pleß vor. Dieser verschaffte ihm auch wirklich die Audienz und stellte ihn seinem erlauchten Gaste vor. Gerührt von der Würde des Greises ließ der Kaiser, damaliger König, sich von ihm segnen und unterhielt sich huldvoll mit ihm." Oesterr. - Ungarische Monarchie. Aus Grotz-Karrizsa schreibt uns ein Leser: Wer das Elend und den Jammer in seiner nackten Gestalt sehen wollte, der mußte sich gestern und vorgestern nach dem Israel. Schulhause begeben. Da kauerten sie herum, diese 315 bulgarischen Judenflüchtlinge: die Männer mit sorgenvoller Miene den Kopf in den Händen; die Frauen verzweifelt. Hier ist eine Frau, die drei Säuglinge an ihrer Brust nährt, weil den armen Würmchen Eltern und Geschwister auf entsetzliche Weise gemordet wurden; da liegt eine andere, die Mutter von fünf Kindern gewesen: Alle wurden durch verruchte Hände geschlachtet. Man sieht viele kleine Säuglinge und zwei - bis dreijährige verlassene Waisen, trauernde Mädchengestalten, die der Kummer gebeugt: das ist das Elend! Die Leute sprechen wenig, und wenn sie es thun, in einer für uns unverständlichen Zunge. Ich, der einigermaßen ihr Idiom verstehe, ließ mir von den haarsträubenden Gräueln erzählen. Hunde wurden von den Bulgaren geschlachtet und das Blut den Armen zwangsweise eingeschüttet mit den Worten: „Da, Hund, trinke Hundeblut!" Dies stand seinerzeit in den Blättern zu lesen, und es gab Leute, welche sagten: Das ist übertrieben, ein erfundener Schauer-Roman. Der bulgarische Schauer-Roman ist aber schreckliche Wahrheit. Das sind die Folgen des russischen Culturkampfes. Die Mildthätigkeit für die armen Flüchtlinge zeigte sich hier wie in anderenungarischen Städten in großaxtigem Maßstabe. Ganze Zimmer voll Wäsche und Kleidungsstücke wurden aufgespeichert für die Armen, Victualien in solch* ausgiebiger Weise verabreicht, daß ein Waggon damit gefüllt werden konnte; überd'es kamen ungefähr 1500 fl. in Gold zur Vertheilung; vom ärmsten Tazwerker bis zum reichsten Manne that ohne Ausnahme Jeder das Seinige zur inderung des Elendes. Nach zweitägigem Aufenthalte fuhren heute Morgens die Flüchtlinge nach Triest weiter, um von dort nach Konstantinopel befördert zu werden. Trieft. Die von Kazanlik geflüchteten türkischen Juden sind, 326 an der Zahl, vorgestern früh 5 Uhr 40 Minuten mit dem gemischten Zuge von Kanizsa in Triest eingetroffen. Es besinden sich darunter 120 Kinder und einige Säugende. Sie wurden auf dem Bahnhofe von der Vorstehung der israel. Cultusgemeinde und dem Unterstützungs-ComitL empfangen und mittelst elf Omnibus nach ihrem Unterkunftsorte, dem isr. Schulgebäude in der Via del Monte befördert. DaS Aussehen derselben rief allgemeines Mitleid hervor. ES befinden sich darunter sehr viele Kinder, zumeist im zartesten Alter, viele hievon ohne Vater, Mutter und Verwandte. Die meisten sind europäisch gekleidet. Eine der Frauen ist in Blvhacs gestorben; unter den Angekommenen sind zwei Mädchen sehr krank, welche sofort nebst anderen fünf Leichtkranken in daS israel. Spital geschafft wurden. Beim Anlangen im Unterkunftsorte verabreichte man den Flüchtlingen nach Wunsch eine