Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1082 »Ist der MoseS zurückgekommen?" »Der kommt erst übermorgen," erwiederte Netti errüthend, »aber was er dann für Freude haben wird! — O, ich bin so glücklich! — und Alles verdanke ich nur Ihnen, Frau Rosenbaum." Sie schlang ihre Arme um den Hals der Alten und schaute ihr lächelnd ins Antlitz. „WaS verdankst Du mir?" fragte die Greisin, die Liebkosungen des jungen Mädchens freundlich erwiedernd. »Hab ich's Ihnen denn noch nicht gesagt, daß die Mutter damit zufrieden ist, daß ich eine Haartour trage?" „Ist sie? nun das freut mich wirkich, freut mich von ganzem Herzen. Aber Du bist im Jrrthum, Kind, wenn Du glaubst mir etwas zu verdanken zu haben; ich habe doch mit Deiner Mutter darüber noch gar nicht gesprochen." »Aber Sie wollten es doch, Sie hatten eS mir gestern zugesagt. Als ich nun der Mutter Alles erzählt habe, was Sie mir darüber gesagt haben und auch hinzugefügt habe, daß Sie selbst mit der Mutter darüber sprechen wollten, da lachte die Mutter und rief: hör* schon auf, ich geb* schon nach, denn gegen die Frau Rofenbaum komme ich doch nicht auf. Sehen Sie nun wohl, daß ich's Ihnen zu danken habe? — Ach, und wie wird Moses sich freuen!" — Die Alte lächelte still vergnügt; es that ihr unendlich wohl, Gutes bewirkt zu haben. Das junge Mädchen, hoch erfreut, Frau Rachel wieder heiterer zu sehen, plauderte munter drauf los, von ihrer bevorstehenden Hochzeit, von ihrer Braut- Toilette, ihrer Einrichtung u. dgl. m., und über Alles mußte die alte Frau ihr Rath ertheilen. So gelang es ihr wenigstens, dieselbe momentan ihren trüben Gedanken zu entziehen. Sie lud sich selbst bei ihr zu Gaste und begleitete sie am Nckchrnittag bei ihren gewöhnlichen Besuchen, bei Kranken, Reconvalescenten und Dürftigen. So war es ihr in der That gelungen, die Alte wieder in ihre gewohnte Stimmung zu bringen. Erst spät am Abend verließ sie sie, hoffend, daß durch die Aufregung der gestrigen Nacht die kommende desto ruhiger verfließen werde, doch darin hatte sie sich getäuscht! Wohl suchte Frau Rachel zu gewohnter Zeit auch heute ihr Lager auf, doch auch heute floh sie der Schlaf. Der Zweifel an ihrem Sohne marterte das bisher so vertrauensvolle Mutterherz bis zum Zerspringen. Wohl wäre es ihr möglich gewesen, sich Klarheit zu verschaffen, indem sie einen oder den andern ihrer Freunde, die bisweilen die Hauptstadt besuchten, aufgefordert hätte, ihr auf Gewissen die reine ungeschminkte Wahrheit mitzutheilen. Doch so oft sie im Begriffe war, eine derartige Frage zu stellen, war eS ihr immer unmöglich, auch nur ein Wort hervorzubringem Nein, nein, noch vermochte sie keinen Zweifel gegen ihren Sohn zu äußern. In diesem Zustande qualvoller Ungewißheit verstrich der größte Theil der Woche. Jedem siel das leidende Aussehen der sonst so frischen heitern Greisin auf, doch da sie sich gegen Niemanden äußerte und doch fast ein Jeder dir Ursache ihres Leidens ahnte, wagte es Niemand, mit ihr darüber zu reden. Freitag Morgen verbreitete sich mit einem Mal das Gerücht in der Gemeinde, Frau Rosenbaum sei noch vor Anbruch des Tages mit dem Schnellzuge abgereist. — Alles staunte, viele schüttelten den Kopf und sprachen düstere Ahnungen aus. — Die sonst so redselige, mittheilsame Frau hatte die Reise unternommen, ohne sich auch nur mit einem Einzigen darüber berathen zu haben. Niemand kannte das Ziel der Reise, doch vermuteten die ihr näher Stehenden, daß eS die Residenz sei, in der sie den Sohn am Sabbat überraschen wollte, und diese Bermuthung entsprach der Wirklichkeit. Dieser fortdauernder Zweifel, diese Ungewißheit vermochte sie nicht länger zu ertragen; sie mußte sich Gewißheit verschaffen, gleichviel um welchen Preis. Am Donnerstag Abend hatte sie sich zum großen Erstaunen ihrer Dienerin einige unentbehrliche Kleidungsstücke in eine Reisetasche gelegt; früh vor Anbruch des Tages hatte sie das Mädchen geweckt und ihr befohlen, die Tasche zum Bahnhof zu tragen. Das Mädchen war so überrascht von der düstern Schweigsamkeit ihrer Herrin, daß sie sich gar keine Frage erlaubte. Am Bahnhof angelangt^ übernahm Frau Rachel selbst die Tasche, trug dem Mädchen Grüße an einige ihrer Freunde auf, befahl, das Haus sorgfältig zu bewachen, und bemerkte , daß sie im Laufe der kommenden Woche zurückzukehren hoffe. (Forts, folgt.) Hierz« zwei Beilage». Verantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).