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Der Israelit · 1877-11-07 · Heft 45 (7.11.1877) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 45 (7.11.1877)
Date
1877-11-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1081 fdtatt auf Sdlatt durchlas sie aber nicht fo icasch hintereinander wie die vorigen Briefe, zwischen einem und den andern hielt sie sinnend inne, die strahlende Freude ihres Antlitzes war einem grübelnden Ernst gewichen. — Seltsam, sie hatte doch auch einen jeden dieser Briefe schon früher mehr als zehnmal gelesen, und doch gewahrte sie heute zum Erstenmal einen Unterschied zwischen ihnen und den Briefen vor fünfzehn Jahren. Wohlathmeten auch die später» die reinste, innigste Kindesliebe, aber sie berührten in keiner Weise irgend welche religiöse Frage. — Freilich mußte sie sich sagen, daß ohne die anklagende Worte des Lehres ihr dieser Unterschied auch heute noch entgangen wäre, hatten die Verhältnisse ihres Sohnes sich doch total geändert. Seit bereits einer Reihe von Jahren war er sein eigener Herr, gab es Niemanden, der ihm die Ausübung irgend eines Gebotes in irgend einer Weise hätte erschweren können und war es daher nur natürlich, daß er sich über dergleichen nicht mehr wie früher ausließ. Doch der Zweifel, einmal erregt, ließ der Alten keine Ruhe; so ganz und gar von allem Religiösen zu schweigen - heute fand sie es auffallend. Erschöpft und nicht beruhigt band sie endlich die Briefe wieder zusammen, ordnete sie in das dazu bestimmte Fach und suchte ihr Lager auf. Aber der Schlaf floh sie. Das Bild ihres Sohnes in seiner ernsten, männlichen Schönheit stand vor ihrem offenen Auge und blickte sie in seiner sanften Weise so schwermuthsvoll, so traurig an, daß es ihr war, als wolle er ihr Vorwürfe machen, daß sie an ihm zweifeln könne. Waren doch kaum vier Wochen vergangen, seit er die Peßach-Feiertage bei ihr verbracht und hatte sie auch nur ein einziges Mal bemerkt, daß er irgend etwas genteße, ohne den üblichen Segenspruch zu sprechen? oder daß er es versäumt, sich vor dem Essen zu waschen? — Und in welch inniger weihvoller Weise hatte er den Seder gegeben. — Nein, nein, so weit konnte Heuchelei nicht gehen — ihr Sohn war rein, war unschuldig wie an jenem Tage, da er den ersten Brief an sie geschrieben, davon war sie überzeugt. — Doch warum hatten nur ihre Freunde es vermieden, ihr ins Antlitz zu schauen, als sie dis Beschuldigungen des Lehrers für Verleumdungen erklärten? — Das war nicht Zufall, das war nicht Verabredung gewesen, auch davon war sie überzeugt. — Aber diese zwei Ueberzeugungen duldeten einander nicht nebeneinander — und das war es, was die Ruhe und den Schlummer ihr raubte. Früh am Morgen erhob sie sich, wie gewöhnlich, und bemühte sich, wie gewöhnlich, ihren Beschäftigungen nachzugehen. Doch in diesem Alter entbehrt man die Nachtruhe nicht so leicht. Als die treue Dienerin den Frühstücktisch geordnet und den Lehnsessel herbeigeschoben hatte, und sie sich nun zwingen wollte, dem theiln-hmenden Mädchen zu gefallen etwas zu genießen, da machte die Natur ihr Recht geltend, der Schlaf übermannte sie. In ruhigem stärkendem Schlummer verbrachte sie mehrere Stunden und als sie endlich die Augen aufchlug, fielen sie auf das freundliche Antlitz des jungen Mädchens, dem sie gestern das Versprechen abgenommen hatte, auch gegen den Willen ihrer Mutter nach ihrer Berheirathung das Haar zu verhüllen. Netti hatte ihre alte Freundin gestern in ernstlicher Besorgniß verlassen, schon am frühen Morgen hatte sie sich bei der Dienerin der Alten nach dem Befinden derselben erkundigt und erfahren, in welcher Weise sie die Nacht verbracht. Das rücksichtslose, boshafte Benehmen des Lehrers gegen die allverehrte Frau bildete das Tagesgespräch; es gab auch nicht einen in der Gemeinde, der es nicht verdammt hätte, die allgemeine Entrüstung war so groß, daß, hätte Frau Rachel jetzt ihre Drohung wahr und es dem Lehrer unmöglich machen wollen, sein Amt weiter zu bekleiden, es sie nur wenige Worte gekostet hätte. Doch daran dachte sie jetzt nicht mehr; wer sie beleidigt hatte, war ihres Schutzes sicher. Auch Netti hatte den Eltern ihre Unterhaltung mit Frau Rosenbaum erzählt und war es ihr bei dieser Gelegenheit, oder vielleicht eben durch dieselbe gelungen, der Mutter Zustimmung zu ihrem Vorhaben zu erlangen. Voll Freude eilte sie zu ihrer alten Freundin, die gute Botschaft ihr mitzutheilen. Sie traf sie schlafend, doch ihrer herzlichen Theilnahme sicher und erfüllt von dem Wunsche* gerade an dem heutigen Tage ihr Interesse zu erregen, wartete sie ihr Erwachen ab. „Guten Morgen, liebe Frau Rosenbaum! wünsche wohl geruht zu haben." „Guten Morgen, liebe Netti," erwiederte die Alte, auf die Uhr sehend, „aber geht's denn wirklich schon auf zwölf? was ich für eine Schlafmütze geworden bin — ja, ja, so geht's, wenn man alt wird." Es war zum Erstenmal, daß Netti sie von ihrem Alter reden hörte, und erschien sic ihr in Wirklichkeit heute zum Erstenmal als alte Frau. Das Herz des jungen Mädchens zog sich zusammen, sie hätte viel darum gegeben, sie heute erheitern zu können. „Ich habe Ihnen eine Neuigkeit mitzutheilen, Frau Rosenbaum. Aber eine so schöne, so schöne."

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