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Der Israelit · 1877-10-31 · Heft 44 (31.10.1877) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 44 (31.10.1877)
Date
1877-10-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1062 Dich der Richter mit seiner Donnerstimme fragen wird: Warum hast Du dem Manne, der Dir Gutes gethan mit Bösem vergolten, warum hast Du den Menschen unschuldig, muthwillig in Kerker gebracht und seinen Leib und seine Seele zu Tode gequält, sein Weib zur Wittwe, seine Kinder zu elenden, unglücklichen Waisen gemacht um nichts und wieder nichts — und wenn Gott Dein Herr! der Deinen Leib und Deiue Seele geschaffen hat, . Dir zurufen wird mit einer Stimme, die Dir gehen wird, durch Gehirn und Herz und Mark und Bein: Warum hast Du das gethan, warum!? Sag's!.Du hast gestohlen, geraubt, eingebrochen .in einer Kirche, wo Du Deinen Gott verehrst, anbeten thust, — es is eine große Schlechtigkeit, ein groü' Verbrechen, aber Du bist arm gewesen, Du hast Noth gehabt. Dein Weib hat gehungert, Deine Kinder haben gefroren, und — die Menschen haben Dich bestraft.... Das Verbrechen hast Du gebüßt, das will ich, das kann ich Dir verzeihen; aber Mensch! — warum hast Du Deinem Wohlthäter Gutes mit Bösem vergolten? — Da. . . da wirds Dir nix helfen, trutzig auf die Erd zu sehen nnd zu schweigen — da .... - wirst Du reden müssen! — un dann Mann! — dann wirst Du gerne Dein ganzes Leben, was Du gelebt Haft, hingeben wollen, — wenn Du möchtest sagen können: Herr Gott! ich — ich hab's nit gethan, — aber dann wird es zu spät sein, und Gottes Donner und Gottes Wasserfluthen werden über Dich rollen — und — aber weiter Herr Primatorleben bin ich mit meiner Red nit gekommen," fuhr Magdeburger fort, indem er sich die Schweißtropfen, die ihm vor Erregung von der Stirne perlten, abwischte; „auf einmal fahrt der Gefangene auf, wie wenn Gottes Blitz in ihm hineingeschlagen hätt und schreit! — Gott im Himmel, ich hör den Schrei noch in meinem Ohr.so denk' ich mir brüllt die Löwin, wenn man ihr das neugeborne Löwerl wegnehmen will — dann aber fangt er an zu weinen — und dann .... sagt er die ganze reine Wahrheit." Der Primator war tief erschüttert. Das alte Wort: Die göttliche Wahrheit ist so mächtig, so unendlich gewaltig zerschmetternd, daß sie auch in der Hand des Schwächsten zur wuchtigsten Waffe wird, hatte sich auch diesmal wunderbar bewährt. Ueöer den schlichten, unbedeutenden Menschen da, über den Kundschaftsgeher, David Leb Magdeburger, schien der göttliche Geist gekommen zu sein, und wieder bewährte sich die alte Wahrheit, daß Gott der Höchste es oft nicht verschmäht, jenen zu seinen Boten zu wählen, — den die Menschen als den Geringsten achten oder verachten. „Was war die Wahrheit, die er gestanden?" frug Frankl nach einer Pause. „Es war so; — ein Schwager von ihm, — der seine verstorbene Schwester zur Frau gehabt, hat ihn beredet, den Einbruch zu machen, und der hat auch die Sachen bei sich aufgehoben; aber damit keiner auf ihn verfallen soll, hat er ihm, wie man ihn arrretirt hat, geschwind gesagt, er soll Alles auf den Juden schieben, — dafür wird er sein Weib und Kind ernähren; und ganz zuletzt hat der Lump, wie mir d'erfahr.n Haben, den armen, verlassenen Leuten gar nichts geben — und wie man den Schwager — e Waldschank' hat er gehalten, un e Raubschütz war er auch — überfallen hat, hat man alle gestohlenen Sachen gefunden . . . . „Und der Schwager, der Hehler? . . . ." „Ja e Hehler!" schrie Magdeburger ärgerlich, die Kränk auf ihm, er war Hehler und Stehler, er hat mit eingebrochen; aber wie er gesehen hat, die Commission kommt, hat er sich e Kugel durch den Kopf gejagt." „Was geschah, nachdem der Verbrecher dieses neue Geständiß abgelegt hatte?" „Der Rath nahm ein Protokoll auf, — dem armen Rehling sind aber erst nur die Ketten abgenommen worden, — bis aus Jungbunzlau ist die Meldung kommen, aö man das gestohlene Kirchengut bei dem Schänkwirth gefunden und sich dieser erschossen hat, hat man den guten Rehling freigegeben! — Um den Hals is er mir gefallen, sein Weib is vor mir auf die Knie gefallen, und die Kinder haben mir die Füß küssen wollen. un geweint Hab ich — so fürwahr soll ich e so leben, wie wenn ColNidre') gewesen wär! . . . . Sie können sich nit denken, was für Simche*) der Mensch gehabt hat." „O, nein, Freund Magdeburger!" rief der Primator tief bewegt, „ich kann mir'S ganz gut denken! .... aber eine Frage; — wie so kommt das, daß Niemand erfuhr, daß Sie den unschuldig Eingekerkerten gerettet haben?" „Das will ich Ihnen sagen .... Rehling hat mir gemußt Handschlag geben, daß er Niemanden nix davon erzählt, warum? — wenn man hört, as ich e so groß Kundschaft^) beim Oberstburggrafen Hab', lasen mir die Leut das HauS ein — und ich hätt' nit Zeit zu essen und zu leben — ich bin boruch haschem*) kein armer Mann,, aber ich muß mich doch ernähren. Frankl sah den dummen Mann, den großen 1) Eingangsabenb des Versöhnungstages. 2) Freude. 3) Einfluß. 4) Gott Lob.

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