Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1877)
- Date
- 1877-10-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1061 Oesterr. - Ungarische Monarchie. Steinarnanger, 15. October. Verflossenen Freitag, am 12. c., schickte Herr M. D. (Fortschrittsjude) drei Gänse zum Cantor der Fortschrittsgemeinde, der zugleich auch Schochet ist, um dieselben zu schlachten. Von diesem Cantor- Schochet wollte die Fama schon längst wissen (er fnngirt als solcher hier schon seit anno 1850), daß er sich das Schlächteramt sehr leicht mache —; aber, mirabile dictu, man ließ ihn dennoch gewähren! Als man die Gänse zu ihm brachte, lagen zufällig „Schlachtmesser" und Küchenmesser friedlich nebeneinander, und der Herr Cantor- Schochet nahm auch zufällig anstatt des Schlachtmessers das Küchenmesser zur Hand und schlachtete mit demselben. Der Knabe, welchen Herr M. D. mit den Gänsen zum Cantor schickte, scheint ein Küchenvon einem wirklichen Schlachtmesser wohl unterscheiden zu können, und macht den Schlächter auf den Mißgriff aufmerksam, worauf auch richtig die Antwort erfolgte, daß die Gänse „nsnü" seien. — Weiterer Commentar ist unnöthig! Man könnte wahrlich lachen, wenn es nicht gar so traurig wäre! Man bedenke: dieser Schochet fungirt hier schon länger als ein Vierteljahrhundert! Wie ich höre, soll dem Cantor- Schochet das Schlachten nunmehr verboten werden. — Das hat geschehen müssen, um die Gemüther von ihrer Lethargie aufzurütieln! Amram Abrahamsohn. Feuilleton. David Leb Magdeburger. Prager Ghettobild aus dem letzten Viertel des vor. Jahrhunderts.*) Von S. Kohn, Verfasser des „Gabriel". (Fortsetzung.) „Der Gefangene war wieder von einer ganz andern Sorte, ein böser, finsterer, trutziger Mensch. Erst hat er mich von sich gestoßen, mit der Kelle nach mir geschlagen; aber ich bin nit d'erfchrocken und bin nit gewichen von ihm, und Hab in ihm hineingeredt — ich kanns gar nit verzählen wie! — aber Alles in der größten Güte und Alles böhmisch .... Ich Hab ihm gesagt: Schau! was hast Du davon? Du weißt ja gut, daß Rehling *) Jeder Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden, Uebersetzungsrecht Vorbehalten. nit hat von Dir das gestohlene Kirchengut gekauft, was willst Du denn von dem unschuldigen Menschen? Hat er Dir je e Wasser trüb gemacht? Du wirst einmal bestraft, so wie so ... . wenn Du aber die Wahrheit sogst, wirst Du noch um ein oder zwei Jahr weniger Straff kriegen und kannst ender zu Dein Weib und Deine Kinderl nach Haus kommen, — und ruf' die beiden, den geistlichen Herrn und den Kriminalrath als Zeugen auf, und nicken sie beide, daß ja — „und wenn Du die Wahrheit redst und Rehling wird frei, und kommt nach Haus, daß er wieder Weib und Kind ehrlich d'ernähren kann; — wird er Dein Weib und Deine Kinder auch nit verlassen. Du weißt ja, wie Dein Weib is krank gelegen und Du hast einen bösen Finger gehabt, und hast nix arbeiten und nix verdienen können, hat er Deinem Weib nit jeden Tag warme Supp' und e Stückl Fleisch, und für das kleinste Kind, was an der Brust war, warme Milch, und für die andern warme Kleider und Holz zum Heizen geschickt?" — das hat mir Alles Rehling verzählt und daß das Weib vom Einbrecher bei ihm im Haus hat waschen helfen. Läugne es ab, wenn Du's kannst? Du Mrsrabliger! Das is der Dank dafür, daß Du ihn willst unglücklich machen?" — und wie der Gefangene nur auf die Erd r'untersieht, und mir nit ins Gesicht sehen kann, ruf ich die beiden Herren her und sag: „Hochwürdiger und gnädiger Herr! Sehen Sie wie er hat e schlechtes Gewissen,- und nicken beide mit dem Kopf: as ja; und jetzt bin ich gar in die Hitz kommen und schrei ganz laut: Is das e Spaß, einen ganz unschuldigen, braven, kränklichen Mann so zu verrunjeniren? weißt Du der Mann stirbt im Kerker, er preßt sich das Herz ab — sein Weib geht zu Grunde, und überlebt das Unglück und die Schand nit, — dann sind seine Kinder Waisen, und wenn die zu Gott im Himmel hinaufschreien; so wird er's hören, so wahr er Himmel und Erde beschaffen hat! .... und — wenn Du wirst einst vor Gottes Thron treten, vor dem allmächtigen, wunderbaren Gott, an dem wir Alle, Juden und Christen glauben, wenn Du einst treten wirst vor dem allwissenden Gott, der barmherzig und ein Helfer ist für die Armen und Gedrückten, und doch ein strenger Richter für die Bösen — wenn Du vor dem Richter stehen wirst! — dann wird Dir kein Läugnen helfen; denn Gottes Auge, das sieht Dir ins Herz hinein, bis in den tiefsten Grund — als wenn Du ein Fenster in Deiner Brust hättest — wenn Du vor dem allmächtigen, allwissenden Gott stehen wirst — das iS noch ein ganz anderer Richter, als der menschliche, der doch nur ein gebrechlich Stück, nuo Fleisch und Blut ist — wenn