Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1877)
- Date
- 1877-10-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1060 Ihatsächliche Stellung der heutigen Orthodoxie in dieser Frage desavouirt. Die jüdische Orthodoxie aller Zeiten war über diesen Punct stets derselben Ansicht. Der heutigen Orthodoxie lag nur zu wiederholten Malen die traurige Pflicht ob, die diesbezüglichen gesetzlichen Bestimmungen für bestimmt vorliegende Falle auszusprechen und die unerbittlichen Konsequenzen factisch zu ziehen. Sie hat ihre Stellung zu dieser Frage ausführlich motivirt in den „Rabbinischen Gutachten über die Beschneidung gesammelt und herausgegeben von Salomon Abraham Trier, Rabbiner, Frankfurt a. M. 1814" *). — Ob der dort medergelegte Geist der heutigen Orthodoxie sich mit demjenigen messen kann, der an seinem tut* nicht beschnittenen Enkel, auch diese Frage bereits n^n1? npyobi mit christlicher Milde entschieden hat, können wir getrost der Beurtheilung aller redlichen Kundigen überlassen. Wie dieses Urtheil aber auch ausfallen möge, stellen wir uns einen Augenblick auf den fanatischen Standpunkt des Herrn Bezirksrabbiners von Landau. Sind die Orthodoxen wirklich die blinde, böse Sorte von Juden, welche sogar die allumfassende bezirksrabbinerliche Bruderhand in dem Augenblicke, in dem Buche von sich stößt, in welchem alle Anderen mit ausnahmsloser Bruderliebe umschlungen werden, ei, so sollte man sich doch nicht so sehr darüber grämen, daß sich diese Orthodoxen überall trennen und absondern, wie in diesem Buche so vielfach geklagt wird! (I. 416, 422 u. a.) Die heilige Reformheerde könnte ja nur gewinnen, wenn die räudigen Schafe sie von selbst verlassen. Es scheint demnach doch, daß man diese blinden Orthodoxen nicht gerne verliert, und dies ist das einzige Erfreuliche, was wir aus dem Buche herausgelesen haben. Wir glauben zur Ehre des Herrn Vers., daß er selber nicht an die Schlechtigkeiten glaubt, die er der Orthodoxie verleumderischer Weise insinuirt, weil er sonst ihre Trennung nicht beklagen könnte. Ist aber dieses Bedauern über die Trennung ein wahres, so begrünen wir es als das Morgenroth der Zeit, da die schroffen Gegensätze innerhalb der heutigen Judenheit ihren Ausgleich finden werden. — Ueber den Häuptern jüdischer Hetzcapläne und ihrer Hetzschriften, werden dann die abgefallenen Brüder den treugebliebenen die Bruderhand reichen, und vereint ihrer Verachtung für Diejenigen Ausdruck geben, die den Frieden zu predigen vorgeben, während sie ihm den Krieg 1) In der neuesten rabbinischen Literatur findet sich ein sehr geistvoller Excurs über diesen Gegenstand in den 'ID Vvn :i"n eoon ennno awoi erklären, die unser heiliges Schrifthum zu vertheidigen behaupten, während sie es in den Staub ziehen, die gegen das überlieferte göttliche Judenthum revoltiren und sich nicht Revolte-, sondern Reformrabbiner nennen, die über die Sittenlehre des Judenthums Bücher schreiben und sie eo ipso — verleugnen. Zeitungsnachrichten nnd Correspvndenzen. Frankreich. CölN, 22. Oct. In der von Ew. Ehrwürden herausgegcbenen Zeitung (Nr. 42, Beilage S. 1004) ist in Angelegenheiten des Herrn Rabbiners Vr. Frank gelegentlich der Anwesenheit Seiner Majestät unseres hochverehrten Kaisers eine Anekdote zum Besten gegeben, welche der ergebenst Unterzeichnete aus den directen Thatbestand zurückzuführen für Pflicht erachtet. Von anderer Seite hierzu veranlaßt, fragte Herr Rabbiner Vr. Frank, weil der Zeitpunkt der Ankunft des Kaisers in unserer Stadt nahe bevorstand , beim hiesigen Regierungs - Präsidenten an, ob er, im Sinne der Gleichberechtigung der Confessionen, wie dieses dem Rabbiner in Düsseldorf gegenüber geschehen ist, beim Empfange Sr. Majestät ofstciell eingeladen werden würde. Darauf erhielt Herr Vr. Frank wörtlich folgende Antwort: Cöln, 10. September 1877. Königliche Negierung Cöln. Nach dem Reglemente vom 9. August 1870 sollen bei ofsiziellem Empfange Seiner Majestät des Kaisers und Königs die Vorstände der kirchlichen Behörden beider Confessionen zugezogen werden. Dieser ausdrücklichen Bestimmung gegenüber befinde ich mich nicht in der Lage, Ew. Wohlgeboren zu dem am 12. d. M. stattfindenden Empfange Sr. Majestät einladen zu können, was ich Ihnen auf die gefällige Vorstellung vom heutigen Tage hierdurch ergebenst erwidere. Der Regierungspräsident gez. von Bernuth. An den Rabbiner Herrn vr. Frank Wohlgeboren hier. Das angebliche Gespräch zwischen dem Kaiser und Seinem Hofmarschall ist somit eine pure Erdichtung. Hochachtungsvoll zeichnet S. Simon.