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Der Israelit · 1877-10-31 · Heft 44 (31.10.1877) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 44 (31.10.1877)
Date
1877-10-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1058 -ringen und das Lehrgeld für sie zu zahlen und auch arbeitslosen Gesellen Arbeit zu verschaffen. Ich beschloß, mich an diesen zu wenden, erkundigte mich, wer der Vorsteher des Vereins sei, und begab mich vor einigen Tagen zu demselben, einem gewissen Doctor H.... Der Herr Doctor nahm mich auch recht freundlich auf, sagte, daß eS ihn immer herzlich freue, wenn er sehe, daß brave junge Israeliten sich dem Haudwerksstande widmeten, daß ein jedes Handwerk goldenen Boden habe u. dgl. m. Ich sagte ihm, daß ich seit beinahe vierzehn Tagen mich vergebens um Arbeit bemüht und die Paar Gulden, die ich Mir zu Hause erspart, beinahe schon aufgezehrt habe, denn daS Leben in dieser großen Stadt ist entsetzlich theuer. Er versprach zuversichtlich,-«^ in den nächsten Tagen Arbeit zu verschaffen, der Verein, sagte er, habe schon seine Meister an Händen f die nur vom Verein empfohlene Gesellen und Lehrlinge annehmen. Er bot mir auch Geldunterstützung an, wenn ich derselben bedürfe. Die lehnte ich jedoch mit vielem Danke ab, sagte aber, daß ich mich stets verpflichtet fühlen würde, wenn er mir recht bald Verdienst verschaffen würde. Das versprach er nochmals und fragte dann, bei welchen Meistern ich mich nach Beschäftigung Amgesehen habe. Ich gab ihm das Verzeichniß, das Herr Sommer mir gemacht. „Und bei denen Allen sind Sie gewesen und keiner hat Sie gebrauchen können?" fragte er staunend. Ich bejahte , fügte aber hinzu, daß mir wohl Mehrere Arbeit zugesagt hätten; doch als ich dann gebeten, mir zu erlauben, statt am Sabbat am Sonntag zu arbeiten, da hätten Sie ihre Zusage zurückgmommen. Kaum hatte ich das gesagt, so veränderte sich das ganze Wesen des Herrn Doctors. „Ja," sagte er, „wenn dem so ist, dann bin ich auch nicht im Stande, Ihnen zu helfen. Unser Verein strebt danach Handwerk und Aufklärung unter Israeliten zu verbreiten, nicht aber Vorurtheil und Aberglauben." Im ersten Moment war ich sprachlos vor Schrecken, ich hatte mich schon so gefreut, endlich Beschäftigung in sicherer Aussicht zu haben und nun sollte es wieder nichts sein — ich konnte das zuerst gar nicht glauben und verlegte mich auf's Bitten. Ich stellte dem Herrn Doctor meine Lage vor, erzählte ihm, daß ich dem seligen Vater das Versprechen gegeben, Dir, liebe Mutter, eine Stütze zu sein, daß es mein sehnlichster Wunsch, dieses Versprechen in ausgedehntestem Sinne zu halten, daß ich aber unter den obwaltenden Umständen nicht einmal im Stande sei, mich selbst zu ernähren. Flehentlich bat ich ihn, er möge doch sein Versprechen halten und' mir bei den Meistern des Vereins Arbeit verschaffen. Doch er zuckte die Achseln, es sei gegen die Statuten des Vereins. vorurtheilsvolle, abergläubische Leute zu unterstützen. „Aber junger Mann," sagte er, „wenn eS wirklich Ihr Wunsch ist, Ihre Mutter zu unterstützen, so sollten Sie doch schon um Ihrer Mutter willen den verrotteten Vorurtheilen entsagen." Ich sagte zu ihm, daß meine Mutter lieber verhungern würde, als einen Kreuzer berühren, den ich durch Arbeiten am Sabbat erworben. Da zuckte er nur nochmals die Achseln und sagte: „Wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu Helsen." Dabei machte er eine Bewegung, wie ich mir denke, daß ein König oder ein Minister sie macht, wenn sie Leute entlassen. Nahezu in Verzweiflung ging ich davon. Als ich es Herrn Sommer erzählte, da lachte er und sagte: „den Weg hätten Sie sich ersparen können, wenn Sie mir früher davon gesagt hätten. Denn Doctor H.... hat ganz recht, er war gar nicht berechtigt, Sie zu unterstützen. Die Aufgabe des Vereins ist es ja eben, junge, hilfsbedürftige Leute durch Unterstützungen dem religiösen Leben zu entfremden. Sie verpflichten die Meister, bei denen sie sie unterbringen geradewegs dazu, ihnen unter keiner Bedingung zu gestatten, den Sabbat zu halten. Für die Lehrlinge zahlen sie den christlichen Meistern sowohl Lehrals Kostgeld, um die Knaben auch zugleich an unjüdische Kost zu gewöhnen. — Kannst Du, liebe Mutter, Dir wohl etwas Entsetzlicheres denken als derartige Verführung? — Mir grauet vor diesen Menschen. Bei uns zu Hause hat man doch von solchen Schlechtigkeiten keine Ahnung und wenn ich von solchen Dingen höre, dann habe ich doppelte Sehnsucht nach meinem Mütterchen daheim. Doch ich muß für heute schließen. Es grüßt und küßt Dich, liebe Mutter, herzinniglich Dein dankbarer, Dich liebender Sohn Jakob. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

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