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Der Israelit · 1877-10-31 · Heft 44 (31.10.1877) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 44 (31.10.1877)
Date
1877-10-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1057 Gesellen mehr gebrauchen, mehrere haben mich auch in einigen Tagen wieder bestellt. Bei vieren hätte ich sogar gleich Arbeit haben könne«; aber als ich dann bat, mir zu erlauben, statt am Sabbat am Sonntag zu arbeiten, da wollten sie Alle nichts davon wissen. Zwei von ihnen waren sogar Juden, aber daß Gott erbarm* was für Juden! — Einer von ihnen sagte mir sogar, daß er einen tüchtigen Arbeiter nathwendig gebrauche und wenn ich gut nähen und recht fleißig sein würde, so würde er mir hohen Lohn geben. Ich sagte ihm, ich wollte mein Möglichstes thun und er würde gewiß mit mir zufrieden sein, und da ich durch seinen Namen wußte, daß er Jude, so fügte ich hinzu, ich wäre sehr froh, daß er mich gebrauchen könne, denn die christlichen Meister, mit denen ich gesprochen, wollten mir nicht gestatten, den Sabbat zu halten. Da aber hättest Du nur sehen sollen, wie er gelacht. Ach Mutter, Mutter es ging mir durch Mark und Bein, als er sagte: Sabbat halten, das thun nur die Esel in der Provinz, wer in der Hauptstadt sein und zu etwas kommen will, der darf an dergleichen nicht mehr denken. Ich sagte ihm, ich wollte in der Hauptstadt bleiben und hoffte auch zu etwas zu kommen; aber bevor ich am Sabbat eine unerlaubte Arbeit verrichten würde, lieber würde ich umkommen oder wohl gar betteln. Aber er möchte es nur mit mir versuchen, es würde sein Schaden nicht sein, wenn er mir den Sabbat frei geben wolle, so würde ich nicht nur am Sonntag dafür arbeiten, sondern auch die ganze Woche täglich eine Stunde länger als die übrigen Gesellen. Er aber zuckte die Achseln und sagte, solch einen Narren könne er nicht gebrauchen. Hättest Du wohl geglaubt, liebe Mutier, daß es so schlechte Menschen gibt? Trotzdem bin ich guten Muthes und hoffe mit Gottes Hilfe bald Beschäftigung zu finden. Einige Mal war mir freilich schon recht bange und habe ich mich herzlich zurückgesehnt in das Erkerstübchen meines alten braven Meisters Jockel, der alle Röcke - ach einem Durchschnittsmaß arbeitet und ein entschiedener Feind des Wechsels und der Mode ist. Aber, wenn ich noch länger bei ihm geblieben wäre, da würde ich schwerlich je im Stande sein, das Versprechen, das ich dem seligen Vater gegeben, Dir, liebe Mutter eine Stütze zu sein, halten zu können. Dahin aber geht all mein Streben und darum hoffe ich auch mit Zuversicht, daß der liebe Gott mir helfen wird. Adieu, meine liebe theure Mutter! Dein dankbarer Dich liebender Sohn Jakob." Die Alte drückte einen innigen Kuß auf das vergilbte Papier und griff nach einem Andern. „Meine liebe, theure Mutter!" Innigen, herzinnigen Dank für Dein liebes, liebes Schreiben, durch das ich heute Mittag fo unaussprechlich erfreut wurde. Als ich sie erblickte, die theuren Züge, die Deine Hand für mich auf's Papier geschrieben, da übermannte es mich, und ich weiß es selbst nicht, war es aus Sehnsucht nach Dir oder Freude über Deinen lieben Brief, daß die Thränen mir aus den Augen stürzten und ich mir Gewalt anthun mußte, um nicht laut zu schluchzen. Frau Sommer fragte mich, ob ich eine unangenehme Nachricht erhalten. Ich konnte nur durch Kopfschütteln verneinen. Da legte sie die Hand auf meine Schulter und sagte: „Sie sind ein guter Sohn, Ihnen wird eS gewiß «och einmal recht gut gehen; ich glaube, Sie würden nie, selbst nicht um des größten Gewinnes willen im Stande sein, etwas zu thun, was Ihrer Mutter unangenehm sein könnte. „Ich müßte der undankbarste Mensch von der Welt sein, wenn ich das je vermöchte, erwiderte ich, und erzählte ihr vo» Dir, liebe Mutter, und von Allem oder vielmehr von Manchem, was Du für mich gethan. Da lächelte sie und sagte: „ja, ja Mutterliebe kennt keine Grenzen, das ist ein altes Sprüchwort." Ich aber sagte: zwischen Liebe und vollständiger Aufopferung ist wohl noch ein großer Unterschied, und trifft man die letztere wohl weit seltener als die elftere. O Mutter! wenn ich nur je im Stande wäre. Dir auch nur den tausendsten Theil dessen, was Du an mir gethan hast, zu vergelten — und noch immer möchtest Du darben, damit eS nur dem erwachsenen Sohn an nichts fehle. — Wie soll ich Dir danken für Dein gütiges Anerbieten, mir auch jetzt noch, so lange ich keinen Verdienst habe, Unterstützung schicken zu wollen. — Gott sei Dank, daß ich Dir mittheilen kann, daß ich vom Ersten, das ist also von übermorgen an, Arbeit haben werde. Endlich ist es mir nämlich gelungen, einen Meister zu finden, der ein frommer Jude ist, ich glaube, er ist der einzige in der ganzen großen Stadt. Erft heute Vormittag erhielt ich von ihm das Versprechen, mich als Geselle aufzunehmen. Daß ich mich über meine lange, unfreiwillige Unthätigkeit recht unglücklich gefühlt habe, das kannst Du Dir wohl denken. „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen," heißt es in der Fibel, auS der ich lesen gelernt habe. Wer nichts zn arbeiten hat, hat auch nichts zu essen, das könnte man mit Fug daneben schreiben. Man hatte mir von einem Verein erzählt, dessen Zweck es ist, jüdische Handwerker zu unterstützen, namentlich Lehrlinge bei Meistern unterzu-

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