Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1877)
- Date
- 1877-10-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1056 Palästina. Jeiws-lem. Vorüber ist der Sommer und vorbei sind die hl. Feiertage. Die Israeliten in Jerusalem feierten die Festtage mit betrübtem Gemüthe, keine Festesfreude wurde vernommen; denn ihre bedrängte Lage und-die ihrer Brüder im Auslände ging ihnen zu Herzen. Die Blicke der Bewohner Zions sind zu Gott gerichtet, daß er Wieder Frieden stifte unter den Völkern und uns den so notwendigen Regen schicke. Nur dann ist uns die Hoffnung, daß wir erhalten bleiben. Es graul uns, wenn wir an die herannahenden Wintermonate denken und uns fragen, wie werden wir uns ernähren können und von wo werden unsere Kinder Brod erhalten? Die Ge- Ireidevorräthe schwinden, der Preis des Weizens steigt von Tag zu Tag, und wenn Gott behüte! der Regen ausbliebe, wer könnte da noch dem grausamen Hunger widerstehen, der jetzt schon einheimisch zu werden beginnt. Bekümmert sehen wir die Leute durch die Straßen Jerusalems schleichen, zarte Kinder bitten um Brod mit schwacher Stimme. Wir schämen uns, immer wieder und wieder unsere Brüder im Auslande um Hilfe zu bitten und ihnen zuzurufen: Gebet, gebet; zumal wir wissen, daß auch im Auslände die Verhältnisse nicht rosenfarbig find. (Jehudah Wiruscholajim.) Feuilleton. Licht uud Schatte«. Erzählung von Friedrich Rott. VIII. Die Dienerin hatte bereits eine Kerze angezündet, die Alte betete mit Inbrunst und sprach dann auch den Segen über Wein und Licht. Doch als sie geendet und die Kerze in dem Weine erloschen war, da erlosch auch die mühsam erkämpfte Ruhe, und der Zweifel, der nagende Zweifel pochte von Neuem an ihrer Brust. War es, konnte es denn wahr sein, daß Jakob, ihr Jakob wissentlich ein göttliches Gebot übertreten? — Unmöglich, sie vermochte es nicht zu glauben. Je mehr sie darüber sann, desto entschiedener erschien es ihr unmöglich. v Mühsam erhob sie sich, öffnete den Wandschrank; eines der Fächer enthielt eine Anzahl ziemlich umfangreicher Brtefpackete, es waren die sorgfältig geordneten Briefe ihres SohneS, die er während seiner fünfzehnjährigen Abwesenheit ihr geschrieben. Sie trug sie sämmtlich zu Tische und ließ sich dann an demselben nieder, löste die Kreuzbänder, die eines der Packete zusammenhielt, preßte die losen Blätter an ihre bebenden Lippen, entfaltete das erste Blatt und las: „Meine liebe theure Mutter! Dies ist der erste Brief, den ich an Dich richte, es ist überhaupt der erste, den ich schreibe. Du mußt daher verzeihen, liebe Mutter, wenn er nicht so ist, wie Du ihn vielleicht erwartet hast. Ach, ich habe es nicht gewußt, daß es so schwer ist, das was man denkt und fühlt, so auf's Papier niederzuschreiben; aber wenn ich alle Gedanken und Gefühle, die mich in diesem Einen Augenblick bestürmen, niederschreiben wollte, so würde ich sicherlich bis morgen in der Frühe nicht fertig. Liebe, liebe Mutter, ach wenn ich nur wüßte, daß Du mich nicht so sehr, so unaussprechlich schmerzlich entbehrst, wie ich Dich entbehre. — Aber davon sollte ich Dir eigentlich gar nicht schreiben, weil ich Dir das Herz nicht schwer machen möchte. — In einigen Tagen werde ich mich ja auch schon an die Trennung von Dir gewöhnt haben, vorzüglich wenn es mir mit Gottes Hilfe gelungen sein wird, Arbeit zu erhalten. Bis jetzt habe ich leider noch keine gefunden. Als ich vorgestern Nachmittag mit dem Zug hier ankam, wanderte ich sogleich mit dem Briefe des Vetters, den ich herzlich von mir zu grüßen bitte, zu Herrn Ignatz Sommer. Das ging freilich nicht sogleich, denn es ist außerordentlich schwer, in den vielen, vielen Gassen. wo so viele Wagen immerwährend fahren, sich zurecht zu finden; aber nach ungefähr einer Stünde fand ich mich doch endlich in der Sch...gaffe und da war es dann nicht so schwer, Nr. 26, die Wohnung des Herrn Sommer aufzusinden. Nachdem Herr Sommer den Brief des Vetters gelesen hatte, war er sehr freundlich gegen mich; er sagte, er wolle mir eine ganze Anzahl Adressen v»n Meistern aufschreiben, bei denen ich mich nach Arbeit umschauen könnte und wenn ich wollte, könnte ich vorläufig bei ihm bleiben, er würde mir den möglichst billigsten Preis berechnen. Das war mir natürlich sehr angenehm und dankte ich ihm sehr dafür. — Er hat auch Wort gehalten und hat mir dreißig Adressen von Meistern gegeben und bin ich gestern und heute den ganzen Tag von einem zum andern gelaufen, habe aber trotzdem noch nichts gefunden. Die Meisten sagten, es wäre jetzt eine stille Zeit, sie könnten keinen