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Der Israelit · 1877-10-24 · Heft 43 (24.10.1877) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 43 (24.10.1877)
Date
1877-10-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1030 welche Früchte kann Ihr Unterricht tragen, wenn die Jugend sieht, daß dasjenige, waS Sie lehren, Ihnen selbst nicht hoch gilt." „Mir kann kein Mensch nachsagen, daß ich ein Gebot übertrete," entgegnete der Lehrer, nun auch hitzig werdend, „und was meine Kinder thun, das kümmert keinen Menschen." „So denken Sie, ich aber sage Ihnen, wenn ich schulpflichtige Kinder hätte, sie dürften mir keii en Fuß wieder in die Schule setzen, in der ein Lehrer unterrichtet, der das Seelenheil seiner Tochter verschachert. — Und was meinen Sie, wenn nun vielleicht die Mehrzahl der Eltern Ihrer Schüler meine Ansicht theilte — wenn ein Kind nach dem andern aus der Schule bliebe — mich dünkt, da wären Sie doch wohl die längste Zeit hier Lehrer gewesen." Kohns Antlitz war erdfahl geworden; erkannte den bedeutenden Einfluß der alten Dame, überschätzte ihn Wohl gar und fürchtete, sie könne ihre Drohung wahr machen und die Eltern seiner Schüler überreden, ihre Kinder der Schule zu entziehen; er wähnte seine Stellung in Gefahr und der Zorn übermannte ihn. „Ich weiß in der That nicht, Frau Rosenbaum, was Sie berechtigt, so zu mir zu reden." „Berechtigt bin ich gar nicht dazu, das sehe ich wohl ein; aber Sie kennen doch meine Art; wenn ich sehe, daß Jemand im Begriff ist, Unrecht zu thun, so gebe ich mir Mühe, ihn davon zurück zu halten." „Und warum nehmen Sie sich die Mühe nur bei Fremden und nicht zuvörderst bei Ihrem Sohn?" fragte der Lehrer giftig. „Bei meinem Sohn habe ich das Gott sei Dank! nicht nöthig," erwiederte Frau Rosenbaum mit glücklichem Lächeln. „Sie kennen ja meinen Jakob und wissen, welche bedeutende Opfer er als ganz junger Mensch schon gebracht hat, um kein Religionsgesetz übertreten zu müssen." „Ha, ha, ha!" lachte Herr Kohn, „thörichte alte Frau, die den Strohhalm in den Augen Anderer sieht und im eigenen den Balken nicht wahrnimmt. Also Ihr Sohn Übertritt kein Religionsgesetz? — Na, da hat er ja wohl von unserm lieben Herrgott extra Licenz erhalten, am Sabbat das Gewölbe offen haben zu dürfen." „Um Gotteswillen, Rosi," flüsterte Netti angstvoll, „halte Deinen Vater zurück, er ladet Blutschuld auf sein Haupt." Frau Rosenbaum war leichenblaß geworden, ihr Auge glühte, sie bebte vor Entrüstung. „Es gibt Dinge, Herr Kohn, über die ich keinen Scherz verstehe. Sie wissen so gut wie ich, daß Sie da eine infame Lüge über meinen Sohn ausgesprochen haben und darum fordere ich von Ihnen, daß Sie diese Worte augenblicklich zurücknehmen, oder —" „Wie? was?" schrie der Lehrer, „zurücknehmen soll ich meine Worte? — soll vielleicht sagen, daß es nicht wahr, daß der Jakob Rosenbaum in der Residenz am Sabbat sein Gewölbe offen hat, daß ich es selbst gesehen habe, daß er am Sabbat schreibt und fährt und —" „Aber Vater." rief Rosi, erschreckt durch das starre, fahle Aussehen der im Fenster lehnenden Greisin. „Deine ungeheure Kurzsichtigkeit, über die Du so oft klagst, kann Dich leicht veranlaßt haben, einen ganz andern für Herrn Rosenbaum gehalten zu haben." Netti hatte inzwischen einige der achtbarsten Gemeindeglieder, die im Auf- und Niedergehen eben im Begriff waren, die Streitenden zu passiren, einige Worte zugeflüstert. Die Herren legten sich in's Mittel; sämmtlich erklärten sie entschieden die Behauptung des Lehrers als erdichtet; aber sie thaten dieses in einer Weise, nicht geeignet, den einmal erregten Zweifel in der Brust der Alten vollständig zu entkräften; ihrem scharfem Auge war es nicht entgangen, daß ihre Freunde es vermieden harten, ihr bei dieser Versicherung in'S Auge zu schauen. Wortlos stand Frau Rachel noch immer da, sie schien in der letzten Viertelstunde um Jahrzehnte gealtert, ihr sonst so frisches, freundliches Antlitz hatte sich in tiefe Falten gelegt. — Ihre Freunde hatten sich, den Lehrer in ihre Mitte nehmend, entfernt; die beiden jungen Mädchen bemühten sich vergebens, durch harmlose Scherzreden das Interesse der Alten zu wecken. Die Sonne war untergegangen, drei Sterne zeigten sich am Himmel; in der nahen Synagoge begann das Abendgebet. Frau Rachel fuhr zusammen, strich mit der Hand über die faltige Stirn und schien mit Gewalt ihre Fassung wieder zu erringen. „Guten Sabbat, liebe Kinder," sprach sie mit seltsam heiserer Stimme, schloß das Fenster und zog sich in ihr Zimmer zurück. (Frts. folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

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