Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1877)
- Date
- 1877-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1029 den, ein Unrecht zu begehen; aber es würde mir auch schwer werden, meine Mutter zu verletzen. Liebe Frau Rosenbaum, ich bitte Sie , reden Sie einmal mit der Mutter, vielleicht gelingt es Ihnen, sie umzustimmen." „Das will ich zwar von Herzen gern thun, aber zuvor müssen Sie mir das Versprechen geben, mag es mir nun gelingen oder nicht. Ihre Mutter umzustimmen, daß Sie unter keiner Bedingung Unrecht thun werden." „Ich verspreche es Ihnen, Frau Rosenbaum, aber Sie müssen mir beistehen und vor Allem müssen Sie mich jetzt wieder dutzen." „Das thu' ich auch ganz gern," versetzte Frau Rachel und streichelte dem jungen Mädchen die Wangen. „Weißt Du, Kind, daß ich auf Deinen Moses eigentlich recht böse bin. Ich hatte immer gehofft, daß Du einmal meine Schwiegertochter werden würdest, muß der Moses mir da in die Quere kommen. Wen wird mein armer Jakob nun bekommen?" „Ach. Ihr Sohn hätte doch ein so ungeschicktes häßliches Mädchen, wie ich bin, nicht genommen; der wird sich in der Residenz wohl eine viel Schönere und Gescheidtere aussuchen." „Das weiß ich nicht, was ich aber ja weiß, ist, daß er nie eine nehmen würde, die ihr Haar nicht verhüllen würde." Das junge Mädchen schaute überrascht auf, senkte jedoch gleich wieder den Blick zu Boden. „Nun erzähle mir, liebe Netti, was gibt es Neues in der Gemeinde?" „Das Allerneueste ist wohl, daß Rost Kohn sich verlobt hat." „Wie, die kleine Rost — Braut? und mit wem denn?" „Ach, die Partie wird Ihnen nicht gefallen. Der Bräutigam hat eine Anstellung an der Eisenbahn und ist nur dem Namen nach Jude. Er speist in einem christlichen Gasthause und hält weder Sabbat noch Feiertag." „Schändlich! unerhört!" rief die Greisin, „und Kohn, der Lehrer Kohn gibt seine Tochter einem solchen Menschen?" „Ich würde es auch nicht für möglich gehalten haben, hätte nicht Rost selbst es mir erzählt." „Unerhört! unerhört! das ist ja ein wahrer Scandal, eine Schande für die ganze Gemeinde. Wenn ich Vorsteher wäre, morgen hätte der Mensch seine Kündigung." „Da kommt er eben mit der Rost am Arm." „Wer? ihr Bräutigam?" „Nein, ihr Vater; sehen Sie nicht?" „Ja, ja, da sind sie. Höre einmal, liebe Netti, thu' mir den Gefallen, wenn sie hier in unsere Nähe kommen, so sprich die Rost an und bleibe bei ihr stehen; vielleicht wendet sich ihr sauberer Herr Vater dann her zu mir, das wäre mir gerade recht, denn ich möchte dem Menschen meine Meinung sagen." „Netti that, wie ihr geheißen, und das Manöver hatte die gewünschte Wirkung. Während die jungen Mädchen sich unterhielten, trat der Lehrer höflich grüßend zu Frau Rachel. „Küss' die Hand, Frau von Rofenbaum! wie steht das werthe Befinden?" „Ich danke, Herr Kohn. mir geht es Gottlob gut wie immer, aber wie geht es denn bei Ihnen?" „Danke ergebenst für Ihre geschätzte Nachfrage, Frau von Rosenbaum, auch bei mir ist Gott sei Dank Alles wohlauf und gebe ich mir die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ich dieser Tage meine Rosa zur Braut gemacht habe." „Ei, da sollte man ja wohl gratuliren. Aber wo ist denn der Bräutigam? ist er kein Hiesiger?" „Doch, doch, Frau Rosenbaum, er ist ein Hiesiger, aber er ist Angestellter an der Bahn und da kann er halt nicht zu jeder Zeit bei der Braut sein. Sie kennen doch das alle Sprichwort, Fran von Rosenbaum: Herrendienst geht vor Minnedienst." „Aber heut' am Sabbat wird er doch nicht im Dienst sein?" „Liebe gnädige Frau, die Bahn ruht bekanntlich am Sabbat nicht, und wenn man ein öffentliches Amt bekleidet, so ist es geradezu unmöglich, alle Ceremonialgesetze so stricte zu beobachten." „Versteh' ich Sie recht, Herr Kohn, Sie hätten sich einen Schwiegersohn ausgesucht, der den heiligen Sabbat entweiht?" Herr Kohn zuckte die Achseln. „Was soll man thun, Frau von Rosenbaum? Man kann die Mädchen nicht einsalzen, daß sie frisch bleiben. Die Rost ist meine Aelteste und außer ihr habe ich noch drei Töchter; da muß unsereiner halt zugreifen. wenn sich eine Gelegenheit findet, ein Kind zu versorgen." . „Schöne Versorgung das," eiferte die Greisin, „Herr K 'hn, Herr Kohn bedenken Sie, was Sie thun, es handelt sich um das Seelenheil Ihres Kindes! — Doch ich rathe Ihnen, ziehen Sie die Sache nochmals in Ueberlegung, verloben heißt noch nicht verheirathen. — Ziehen Sie auch Ihre Stellung als Lehrer in Betracht. Sie haben die Kinder die Gebote Gottes zu lehren; bedenken Sie, O