Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-10-24 · Heft 43 (24.10.1877) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 43 (24.10.1877)
Date
1877-10-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447737--14228-2470128
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1026 die er nie gethan, und diejenigen verschweigt, die zur Evidenz beweisen, daß sich eben aus solchem Stoff keine juste-milieu-Puppe herausstaffiren läßt? Wenn Sie wirklich glauben, daß man dies Alles orthodoxerfeits nicht versteht, fo verweisen wir Sie wiederholt auf den Altmeister der Orthodoxie, der neben vielen anderen auch dieses Luftchloß tendenziöser Hyvothesenmacherei spielend zertrümmert hat. (Jeschurun Bd. II) Heißt es etwa, wir verständen überhaupt die Taschenspielerkunst nicht, die den Abfall, der sich im Leben vollzogen hat, hinterher mit Scheingründen aus d"w und D’pDia legalisirt, und nachweist, daß füglich Alle, diesen Abfall als Sacrilegium vorurtheilenden talmudischen Bestimmungen, so ernst und bindend gar nicht aufzufassen seien. sie wären alle einer bestimmten Zeiterscheinung entsprungen. wären also alle gewissermaßen als nyttf nsnm zu betrachten, und wechselten daher wie das Wetter wechselt? Das verstände man orthodoxerseits nicht? Das versteht jeder mittelmäßige Jeschiwah-Bachur, aber er übt diese Kunst nicht, er nennt sie geringschätzig „Pschättel," und begnügt sich damit alljährlich einmal, an Purim vielleicht, seine Virtuosität auch auf dieser ausschließlichen Domäne der Reform zu zeigen. Er erbietet sich jede gesetzliche Bestimmung von bis zu Ende des Talmud so auf Zeit und Geschichte nach dieser Schablone zurückzuführen, daß Sie und Herr Prof. Grätz, den Hut vor ihm ziehen werden. Sie zweifeln, Herr Bezirksrabbiner? Greifen Sie einen Talmudfolianten heraus, und ick stehe dafür, daß mein Jeschiwah - Bachur die Concurreuz ruhmvoll aushält. Was haben Sie aufgefchlagen? Chulin Fol. 8 .->2 Dnzn paD am 'an ncx du? miTn mteo müTj». Führen Sie mir gesi. diese religiöse Form auf Zeit und Geschichte zurück! — Nichts leichter als das! — Meine Herren! Der Gebrauch von Messern und Gabeln bei Mahlzeiten, ist, wie bekannt, ein erst verhältnißmäßig spät eingeführter. Man bediente sich früher der Hände, und nur heiße Speisen schufen erst die Nothwendigkeit von Messern und Gabeln. Wenn daher in talmudischen Zeiten von Messern die Rede ist, so darf man immer auf heiße Speisen und demzufolge auch auf einen erhöheten Wärmegrad der Messer schließen. Da nun wie Megillah Fol. 7. b. berichtet wird, Rabbi Sera das Unglück hatte, selbst bei einer Purim- Mahlzeit geschlachtet zu werden, und dann auf wunderbare Weise gerettet wurde, so haben Sie den geschichtlichen Hintergrund des Ausspruches, uud auch die Begründung dafür, wieso R. Sera über das mip mtrn genau unterrichtet sein konnte. Hut ab! Herr Talmud-Anwalt, denn gegen diese logische Beweisführung, ist doch Ihr luftiges Hypothesenthum eitel Stümperei. Freilich Sie haben gerade einen Tractat herausgegriffen, in welchem unser Bachur besonders gut beschlagen ist, aus Chulin kann er Ihnen noch viel mehr, und gar aus roenD p«, das er wörtlich auswendig weiß, kann er Ihnen Alles beweisen, auch daß Nm zwischen die Rippen durchsetzen konnte, denn woher, hätte er sonst die Fünfzahl der Lungenflügel wissen können? Er weist Ihnen nach, wie in dem ganzen — meinetwegen von Grätz geschilderten — Charakter der Hillel'schen Schule, die von ihr aufgestellte Reihefolge ">j rman ü’sica ihre Begründung findet, wie in der Ordnung n’nam po D’Otpa •m sich das ganze Princip der Schammai'itischen Schule wiederspiegelt, und wenn Sie ihn darauf aufmerksam machen, daß er in der Eile die Aussprüche beider Autoren mit einander verwechselt hat, so beweist er Ihnen auch das Gegentheil. — Aber er weiß, daß dies Alles nur ein harmloser Purimscherz ist, sobald er aber wieder über den Unterschied zwischen jan in« und ot-id “jna im Klaren ist, versteht er auch arup pa zu unterscheiden. Er weiß, daß der Talmud nirgends Anstand nimmt es zu sagen, wenn eine seiner Bestimmungen nur bestimmten Zeitverhältnissen gelten soll, und daß, wo er dies nicht deutlich sagt, es Vermessenheit wäre, eine solche Annahme zu substituiren; weiß er doch aus dem Talmud selbst nN i'Dv m nn min1? crny j/aipn to rmnn, wer. — um in Ihrer Sprache zu reden — Zeit und Geschichte einen bestimmenden Einfluß, auf religiöse Formen zuerkannt, der hebt damit die religiöse Formen oder kurzweg die Thora auf." Das, und noch viel mehr als das, würde ein orthodoxer Glossator zu dieser Bemerkung, anmerken können. Entziehen wir ihm jedoch das Wort, sonst versteigt er sich noch zu der Hypothese, daß die ganze Grätz'sche Geschichte der Juden, die Sie so gewissenhaft bei dieser Ihrer Arbeit zu Rathe gezogen. Nichts weiter wäre, als eine chronologisch geordnete, wissenschaftlich gefärbte Sammlung von „Purimpschättel"; und diese Orthodoxen haben, natürlich aus purer Rechthaberei, die Gewohnheit für die Richtigkeit ihrer Hypothesen Beweise zu bringen, und zwar in solcher Fülle, daß uns kein Raum für das Folgende bliebe. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.