Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1877)
- Date
- 1877-10-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1010 „Ich komme heutefuhr dieser fort, „Reb Schmul Thorsch, den Altneuschulgabbe2) verklagen. Der hat sich e Spott mit mir d'erlabt, den ich nit verdient Hab; und wissen Sie, warum er ftch's d'erlabt hat? — weil er weiß, daß ich ein braver Chammer bin und lieber auf mir herumtreten laß', als daß ich durch meine Bekanntschaft bei seiner Excellenz dem Herrn Oberstburggrafen Jemanden schaden Will — Gott soll mich hüten! — Lieber laß Dir Unrecht thun, nur Du thu' keinem Andern Unrecht, hat meine selige Mutter — im Gan @ben3) ruht sie — stets gesagt, und un das Hab' ich mich mein Lebtag gehalten ... Magdeburger machte eine Pause und holte tief Athem. „Was habt Ihr mit dem Altneuschulgabbe?" „Ich geh' von Kleinhat^) in die Altneuschul jeden Tag dreimal, werf in jede Schüssel ö) jedesmal meinen halben Kreuzer ein; und trag so viel als möglich zur Schule bei, .... ich Hab Reb Schmul Thorsch, gar nit Ursach geben, daß er sich e Narren aus mir macht, und mich zu Gespött vor de ganze Welt herstellt. Herr Primator, ich Hab' mich von Jugend auf geplagt. Ich bin zu vierzehn Jahr e Jossom3) gewesen und Hab meine Mutter und drei Geschwister zu ernähren gehabt; ich Hab' in meinem Leben viel, sehr viel gelitten, Hunger, Durst, Kälte, Noth, Elend, Armuth und was noch weit ärger als alles das ist, Daiges^) — endlich hat mir Gott geholfen.ich Hab e Weib bekommen — so e Gesund und e Glück auf mir un auf Ihnen, Herr Primatorleben, wie mir mein Weib gerathen3) ist; aber sie ist aus einer ganz noblen Mischpoche3 5 6 * *), die abgekommen is. — Jetzt, besonders seitdem ich bei unserm Oberstburggrafen — leben soll er hundert Jahre — wie's Kind im Haus bin — möcht' ich gerne etwas — wenn es auch noch so wenig is in der Gemeinde sein. — Sehen Sie, Herr Primatorleben, wir haben in der Gemeinde unberufen, e Menge Schulen und Chewres 10) und c Menge Gaboim"), Mewurorim12) un e Haufen Aemter. Alle Verwandten meiner Frau sind etwas, — nur ich, ich ganz allein bin nix — rein nix als der Kundschaftgeher David Leb Magdeburger — und — ich kann kein nit zwingen mich zu etwas zu machen; aber weil ich möcht' gar so gerne etwas für Andere sein, unnit bloß für mich und mein Weib — leben soll sie hundert Jahr — Hab' ich mich angelernt zu blasen; 2) Vorsteher. 3) im Paradies. 4) von Kindheit an. 5) Sammelbüchsen, deren mehrere für Synagogen oder andere religiöse oder wohlthätige Zwecke aufgestellt werden. 6) eine Waise. 7) morgen. 8) etwa: meine Wahl gelungen. 9) Familie. 10) Vereine. 11) Vorsteher. 12) Beisitzer, Ausschußmänner. UN denk mir, wenn man hören wird, ich kann ganz schön blasen, wird man mir in etwa« e klein Schule zum Blasen rnechabid^) sein; indessen is das ka Menschen nit eingefallen, und ich Hab' von mein ganz Geblas nix gehabt.... Drei Monat lang Hab ich e jeden Tag e Gelarm mit mein Schofar hergemacht as mein Weib — gesund soll sie sein — hat Kopfweh gekriegt un zuletzt gesagt hat: David Lebleben zu was blost Du — man is Dir doch nix mechabid?! — auch gut! — aber verdrossen hat es mich ganz gewaltig — und wie ich hinüberkomm zu mei Kundschaft, zum Oberstburggrafen, sieht der feine brave Mann, as ich sehr verdrießlich bin, un frogt mich: „Was hat er? Nun ich weiß bestimmmt, daß mirs der feine Oberstburggraf gut meint, — und nit e so falsch is wie mancher Mensch, der Vorsteher in der Altneuschul is; (das war fein gestichelt) — sog ich ihm geradezu: Excellenzleben ich Hab mich angelernt ganz schön zu blasen; — un Hab gemeint, wenn man wird hören in der Gemeinde, as ich könn' gar so schön blasen, wird man mir's in etwas eine kleine Nebensynagoge anbieten — indessen kommt keiner, nu! Hab' ich mir aus mir selbst nur e Narren gemacht, und ganz gerad zu sagen, schäme ich mich vor meiner eigenen Frau, obwohl sie so fein und betamt 14) ist, und mir's ausredt . . . . lacht der Graf un schweigt is.gut! — auf einmal krieg ich ein Decret vom Oberftburggrafen, steht drinnen ausgeschrieben: Mein lieber Magdeburger, ich habe befunden dem Vorstande der Altneusynagoge zu verordnen, daß er ihm an einem der hohen Feiertage die Funktion des Schofarblasens überträgt" . ... geh ich guter Chammer, was ich bin, zumGabbe mit dem allergrößten Höflichkeit un zeig' ihm mein Decret .... Wenn er aufrichtig gewesen war' und gesagt hätt': David Leb, was fällt Euch ein, in der Altneuschul blasen! ist das e Spaß? dazu sind andere Menschen da as Ihr — nit d'erleben soll ich's e Ham zu kommen zu mein theuern, feinen Weib." — Magdeburgers Augen füllten sich mit Thränen und seine Stimme versagte, „wenn ich selbst zum Oberstburggrafen enübergeloffen wär' un ihm gesagt hätt': Exellenzleben machen Sie keine Stussim15) — blasen in der Altneuschul! — das is zu theuer vor mir^); aber mein lieber Reb Schmul Torsch, kuckt 17) un kuckt, un kuckt in der Schrift hinein — un macht kein Maul nit auf — denk ich mir, vielleicht is es ihm grad recht, warum? Reb Mosche Lasch — gesund ün stark soll er stein, und 13) Funktion des Blasens übertragen. , 14) liebenswürdig, lö) Thorheiten. 16) so viel: als zu kostbar für mich. 17) guckt, schaut.