Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1877)
- Date
- 1877-10-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447736--14212-2470111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XVIII. Jahrgang. Erste Lciiage zu Ar. 42 des Israelit. Leite n d er Artikel. Literarischer Bericht.*) Jahres - Bericht des Rabbiner-Seminars für das orthodoxe Judenthum pro 5637 (1876 —77) von Curatorium. — Voran geht eine Abhandlung von Dr. I. Hildesheimer: Die Beschreibung des herodianischen Tempels im Tractate Middoth und bei Flavius Josephus. In einer Zeit, in welcher die ungründlichste Leichtfertigkeit, die luftigsteHypothesenmacherei, die oft jeder Pietät bire Behandlung unserer heiligsten Urkunden sich unter dem stolzen Namen „Jüdische Wissenschaft" geltend macht, in einer solchen Zeit ist es unendlich erfreulich an einem concreten Beispiele zeigen zu können, daß wahre jüdische Wissenschaft, denn doch etwas Anderes sei, als was sonst Alles sich unter d'eser Flagge deckt. — Von diesem Gesichtspunkte aus möge' es gestattet sein, auf die neueste Arbeit des Rectors des Berliner Rabbiner-Seminars alle Freunde wahrer jüdischer Wissenschaft aufmerksam zu machen. Wenn eines der ersten Kriterien wahrer jüdischer Wissenschaft die fortwährende Rücksichtnahme auf das praktische jüdische Leben ist, wenn jüdische Wissenschaft beispielsweise keine jüdische Religions- Philosophie treibt, um die verschiedenen philosophischen Systeme kennen und vergleichen zu lernen, sondern in erster Reihe die Ausbildung des Geistes und Gemüths durch diese Wissenschaft im Auge hat , wenn sie sich in Gottes heiliges Wort nicht für linguistisch-philologischen, sondern in allererster Reihe für den einen Zweck vertieft, um *) Anmerkung. Aus Ersuchen des Herrn Rectors des Rabbinerseminars zu Berlin theilen wir hier für die Besitzer des Jahresbericht seiner Anstalt folgenden, durch Versehen des Setzers daselbst, im Pensenverzeichnisse ausgefallenen Passus mit: Mathematik. Abth. I. (4. St.) Der Rector. Berechnung der Seiten regulärer Polygrem. Rectisication und Quadratur des Kreises, Proportinalität gerader Linien und Aehnlichkeit gradliniger Figuren, Arithmetik und Algebra, Lösung der Gleichungen ersten und zweiten Grades mit einer und mehreren unbekannteu Größen. Abth. II. (8. St.) Dr. Hoffmann. Gleichungen 2. und 3. Grades, arithm. und geometr. Rechnen Zinseszins- und Rentenrechnung, Combinationslehre mit dem binomischen Lehrsätze, Wiederholung der Trigonometrie und Stereometrie, verbnnden mit der Lösung schwieriger Aufgaben. den göttlichen Willen um so reiner und vollendeter im Leben bethätigen zu können, kurz wenn jüdische Wissenschaft noPn nur dann und deshalb von so wichtiger Bedeutsamkeit ist, wenn und weil sie zur That ntyyo führt, dann zeugt schon die Wahl des hier behandelten Themas, von der genialen Meisterschaft der wühlenden Hand. Scheint doch dieser Gegenstand, auf den ersten Blick, Nichts mehr als archäologisches Interesse zu bieten, und, da es sich nicht um den Ezechiel'schen, sondern um die Beschreibung des Herodranischen Tempels handelt, nicht einmal einen praktischen Gewinn für das wiederzuerbauende Heiligthum, also selbst keine «rnere1* zu enthalten. Die vorliegende Arbeit legitimirt sich daher zu allernächst als jüdischwissenschaftlich , indem sie ihr religiöses Moment hervorhebt, und den Nachweis liefert, daß die genaue Kenntniß des Herodianischen Tempels nicht nur die Lösung eines archäologischen Problems, sondern auch die Erfüllung einer religiösen Pflicht ist. Jnvolvirt doch die Behandlung dieses Themas auf Grund des Ausspruchs D’pD'.yn D’ddpi ’Ta^n orpDo unpon ruaj dvij/o rrrsy 'na gewissermaßen die theoretische Erfüllung der Tempelbaupflicht, und auch andere streng-halachische Beziehungen; wie die Präcisirung des Tempelarears, des Opferaltar-Raumes, überhaupt die Construction der Tempelabtheilungen und Geräthe zu kennen, um die verpönte Nachahmung derselben zum Privatgebrauche vermeiden zu können. — Diese Betonung des religiösen Moments ist das was sofort die vorliegende Arbeit am charakteristischsten von jener modernen jüdischen Wissenschaft scheidet, die durch Jgnorirung und Geringschätzung eben dieses Moments, origineller Weise ihre eigene Blöße verhüllen zu können meint. Besonders vortheilhaft unterscheidet sich jedoch diese Abhandlung von der großen Mehrzahl der Leistungen der sogenannten jüdischen Wissenschaft, durch die in die kleinsten Details sich erstreckende minutiöse Gründlichkeit und Objektivität, sowie durch die glücklichen, ungezwungen Resultate, welche sich aus dieser geistvoll behandelten Vergleichung ergeben. Die Mischnah und Josephus werden einander gegenübergestellt und eine Quelle durch die andere controllirt. Bis jetzt galt Josephus, trotz der Hunderte von Fällen, in welchen die Unzuverlässigkeit seiner Darstellung allenthalben nachgewiesen ist, als die einzige Autorität in jüdischantiquarischen Fragen, die Rabbinen aber waren