Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1877)
- Date
- 1877-10-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1006 besser, wenn Sie ihr zugleich die Veranlassung nehmen würden, zu glauben, daß Sie es nicht so genau nehmen. Sie wissen ja so gut wie ich, daß es nicht erlaubt ist, am Sabbat für gesunde, erwachsene Personen zum Wärmen der Speisen Feuer anzünden zu lassen." — „Sie haben recht, Frau Rosenbaum," entgegnete Neumann nach einiger Ueberlegung, „eL hat sich das bei uns, ich weiß selbst kaum wie, so eingeschlichen; aber ich gebe Ihnen mein Wort, es soll wieder aufhören. Sobald meine Lini wieder wohl auf ist, wird Uin Feuer am Sabbat bei mir wieder angezündet." Sie wechselten noch einige verbindliche Redensarten, dann entfernte er sich. Innig vergnügt schaute Frau Rachel ihm rach. „Guten Abend, liebe Frau Rosenbaum!" rief eine frische Mädchenstimme „haben Sie denn heute gar kein Auge für mich?" Sie wandte sich rasch um. „Ei, guten Sabbat, liebes Kind, das ist ja schön, daß man Sie auch einmal zu sehen bekommt. Aber wie, so allein? wo ist denn der Bräutigam?" „Moses ist in W. um dort noch Einiges zu unserer Einrichtung zu besorgen. Aber Frau Rosenbaum, was habe ich denn gethan. daß Sie heute so fremd gegen mich sind?" „Ich fremd gegen Sie, liebes Kind?" „Freilich, freilich, Sie sagen ja heute „Sie" zu mir, als ob ich eine Andere geworden wäre und Sie mich nicht von Zugend auf gekannt hätten." „Nun, ich glaube, Sie sind auch im Begriff eine Andere zu werden, wenn man in vier Wochen sich verheirathen will." „Aber das ist doch kein Grund, mir Ihre Vertraulichkeit, auf die ich so hohen Werth lege, zu eniziehen. Ich bitte Sie, Frau Rosenbaum, sagen Sie wieder „Du" zu mir wie bisher." "Ist Ihnen denn wirklich so viel daran gelegen?" fragte die Greisin lächelnd. „O sehr, sehr viel, Sie können sich gar nicht denken, wie wehe es mir thut, so fremd von Ihnen angeredet zu werden." Frau Rachel richtete einen seltsamen Blick auf das blühend schöne junge Mädchen. „Wenn Ihnen denn in Wirklichkeit so viel daran gelegen ist, so möchte ich Ihren Wunsch wohl erfüllen, doch nur unter der Bedingung, daß Sie mir in Wirklichkeit nie fremd werden." „Ich verstehe Sie nicht, Frau Rosenbaum, wie könnte ich Ihnen fremd werden?" „Sehen Sie, liebe Retti» ich habe Sie gekannt, als Sie noch so'n ganz kleines Püppchen waren, und Sie find von jeher mein Liebling gewesen, weil man Ihnen stets nur zu sagen brauchte, daß eine Sache unrecht ist und ganz sicher darauf rechnen konnte, daß Sie sie unter keiner Bedingung thun würden. Wenn ich aber nun mit einem Mal von Ihnen höre, daß Sie die Absicht haben, eine Sache zu thun, obgleich man Ihnen gesagt hat, daß sie unrecht ist, so sind Sie mir mit einem Mal vollständig fremd geworden." Das junge Mädchen war glühend roth geworden, eine Thräne glänzte in ihrem Auge. „Um des Himmels willen, Frau Rosenbaum," flüsterte sie mit bebender Stimme, „sagen Sie mir doch, was haben Sie von mir gehört?" „Daß Sie die Absicht haben, auch als Frau Ihr Haar unverhüllt zu tragen, obgleich Ihr Bräutigam Sie gebeten hat, es nach altjüdischer Sitte zu verhüllen und Ihnen sogar gesagt hat, daß Sie Sünde auf sich laden, wenn Sie es unterlassen." „Und ist es denn wahr, Frau Rosenbaum, ist es wirklich Sünde als Frau das Haar unbedeckt sehen zu lassen?" „Ganz gewiß, Kind. Aber wie können Sie noch daran zweifeln, da doch bereits Ihr Bräutigam es Ihnen als solche bezeichnet?" „Ja Frau Rosenbaum, das verhält sich so. Vorige Woche bat mich Moses, ich möchte ihm zu Liebe mein Haar nach der Hochzeit verhüllen. Ich sagte, ihm zu Liebe thäte ich Alles, und wenn er es wünschte, so würde ich mir sogar auch das Gesicht verhüllen. Der Vater war gegenwärtig und schien sich sehr darüber zu freuen, aber als ich es später der Mutter erzählte und sagte, daß ich mir eine Haartour anschaffen müsse, da ward die Mutter schrecklich böse und schwur, ich dürfte ihr nicht in's Haus kommen, wenn ich daS thäte. Nun, was sollte ich da machen? — ich sagte zu Moses, daß meine Pflicht als Tochter mir verbiete, seinen Wunsch zu erfüllen." Frau Rachel schüttelte den Kopf. „Da haben Sie sehr, sehr unrecht. Keine Mutter hat daS Recht, ihrem Kinde ein Unrecht zu gebieten. Und wenn Sie ihr gehorchen, so begehen nicht nur Sie selbst ein Unrecht, Sie laden auch ein größeres auf das Haupt Ihrer Mutter." (Frts. folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).