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Der Israelit · 1877-10-17 · Heft 42 (17.10.1877) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 42 (17.10.1877)
Date
1877-10-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1004 seiner Brust saßen, krümmte; allmählich wurde seine Stimme schwächer; nach dem ersten Hundert verfiel er in Ohnmacht, und man hörte nichts weiter, als den taetmäßigen Fall der Stöcke. Als die Execution vorüber war, trat ich den Hof; der Jude lag auf der Erde, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben, seine Arme waren ausgestreckt, die untere Hälfte seines Körpers schwamm^ in einem Meere von schwärzlichem Blut, die Füße bis zur Mitte der Beine waren entsetzlich anzusehen, die Haut war in Lappen abgegangen, hier und da lagen auf den Steinplatten blutige Stöcke einher, die an den Gliedern des Unglücklichen zerbrochen waren. Ich brach in Schluchzen aus, niemals wird dieses schreckliche Bild mir aus dem Gedächtniß schwinden Es war 7 Uhr, Abends, der Unglückliche wurde in seiner Bewußtlosigkeit in eine Kiste geworfen und ins Gefängniß transportirt, wo er nach dem gegen ihn gefällten Urtheil nicht weniger als 2 Monate bleiben soll. Da ich ihn jedoch für todt hielt, wollte ich ihn nicht verlassen und folgte ihm von Ferne mit Thränen in den Augen bis zur Schwelle des Gefängnisses. Am anderen Morgen besuchte ich ihn; vollständig blau geworden, lag er auf einer Matratze von unreinem Stroh, umgeben von seiner Frau und 4 kleinen Kindern, alle blaß, still, bestürzt und die Blicke auf ihn heftend. Von Zeit zu Zeit öffnete der arme Vater die Augen, um sich von der Anwesenheit seiner Frau zu überzeugen; er wollte sprechen, hatte aber keine Kraft, während sein Weib von einem Traume zu erwachen schien, indem sie die Seufzer ihres Mannes hörte. Dieser Vorfall, fügt Einer der geehrten Correspondenten hinzu-, ist um so trauriger, als er nicht von der Privatrache oder dem Fanatismus herrührt, sondern von der Behörde, die uns schützen soll. Wir konnten unsrem unglücklichen Glaubensgenossen keinerlei Hilfe bringen, weil wir an das Rundschreiben vom vorigen Jahre denken mußten, das uns verpflichtete, keinerlei Kundgebungen gegen die Plackereien zu machen, die unsere Brüder betreffen könnten. Die Israeliten von Tunis sind in diesem Augenblicke voll Unruhe; die türkischen Erfolge auf der Balkan-Halbinsel haben die muselmännischen Bevölkerungen fanatisirt, und man fürchtet, daß dieselben, wenn sie sich von der Autorität der europäischen Mächte nicht mehr zurückgehalten glauben, sich allen möglichen Ausschreitungen gegen die Israeliten überlassen könnten, zumal wenn Beamte solch' traurige Beispiele geben. Feuilleton. Licht und Schatten. Erzählung von Friedrich Rott. VI. Frau Rachel Rosenbaum gehörte zu den geachtetsten Persönlichkeiten ihres Heimathstädtchens. Ihr milder, wohlihätiger Sinn, ihr redlicher, biederer Charakter, gepaart mit scharfem, durchdringendem Verstand, fand nicht nur bei ihren Glaubensgenossen die wohlverdiente Anerkennung; auch die Bekenner anderer Confessionen zollten ihr Achtung und Verehrung; denn auch sie suchten und fanden nicht selten bei ihr Rath und Hilfe, um die sie im eignen Kreise vergebens sich bemüht. „Nur einen Fehler hat Frau Rachel" pflegten manche ihrer Freunde zu sagen, „sie ist zu sehr gerade heraus, sie nimmt kein Blatt vor den Mund." Freilich gab es auch nicht wenige, die sie eben um dieses s. g. Fehlers willen nur um so höher schätzten. Und Frau Rachel nahm in Wirklichkeit nie ein Blatt vor den Mund; es war ihr geradezu unmöglich, ein Wort auszusprechen, das ihr nicht vollkommen und in seder Beziehung ernst war; aber eben so schwer war es ihr auch, ihren Gefühlen den Ausdruck zu versagen. Wo sie Unrecht sah, war es ihr Bedürfniß es zu rügen, dem Betreffenden in entschiedener ernster Weise Vorstellungen zu machen. Streng gegen sich selbst, war sie es auch gegen jene, die sie fehlen sah; aber ihr Tadel zeigte so sichtlich das Bestreben, dem Andern die Folgen des Fehlens zu ersparen, daß es nur Wenige gab, die ihn übel aufnahmen. Frau Rachels Weise war ja bekannt, und jeder war überzeugt, daß sie trotz ihrer oft herben Worte einem jeden wohl wollte. Seit nahezu zwanzig Jahren Wittwe, war ihr einziger Sohn die Stütze ihres Alters. Vor fünfzehn Jahren hatte er als armer Schneidergeselle die Heimath verlassen, und schon seit mehreren Jahren zählte sein Name zu den beftrenommirten Firmen der Residenz. Rastloser Fleiß, seltenes Spekulationsgenie, begünstigt von eben so seltenem Glück, hatten ihm in dieser verhältnißmäßig kurzen Zeit zu Reichthum und Ansehen verholfen. Dem sterbenden Vater hatte er gelobt, der Mutter Stütze zu werden, und dieses Versprechen hielt er im ausgedehntesten Sinne. Längst hatte sie das kleine Specereigeschäft, das sie und ihn einst kümmerlich ernährt hatte, aufgeben müssen;

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