Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1877)
- Date
- 1877-10-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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985 fuitfl in Wort und Thal gegen Andersdenkende für verdienstlich hält?" Steigt Ihnen nicht die Schamröthe in's Gesicht , Herr Rabbiner, wenn Sie sich die Tragweite dieser verlogenen .tvdo in ihrem vollen Umfang vergegenwärtigen? Hat Ihnen die Bruderhand den Dienst nicht versagt, als Sie sie zu solch niedriger Verleumdung Ihrer Brüder mißbrauchten? Es mag sein; die Orthodoxie im Allgemeinen, und der Theil desselben, den Sie tie Neuorthodoxie nennen, insbesondere, ist nicht gut bei Ew. Ehrwürden Bruderliebe angeschrüben; es beruht das auf Gegenseitigkeit. Die Neu-Ortho' doxen, d. h. diejenigen Orthodoxen, welche in deutscher Sprache und Schrift überall an den Glorienschein des Reformschwindels, den unwandelbaren Maßstab dcs Judenthums, der Wahrheit und Wissenschaft legen, sind der Reform und ihren Würdenträgern, sind aber ganz besonders Ihnen mehr als unbequem. Die speciellen Ursachen dieser Unbequemlichkeit, soweit sie Ihre Persönlichkeit betreffen, gehören nicht hierher. Es genügt, sie als die trübe Quelle zu conftatiren, aus welcher dieser verbissene Aerger streßt, der um sich Luft ZU machen, selbst vor solchen niedrigen Mitteln nicht zurückschreckt. Das erklärt diese boshaften Verleumdungen, aber es rechtfertigt sie nicht. Wo in aller Welt existirt ein solches neuorthodoxes Proletariat, wie es unseren christlichen Brüdern hier vorgeführt wird? Wo hat die Orthodoxie eine öffentliche Beschimpfung Andersdenkender sich in Wort und That zu Schulden kommen lassen, oder gar ein solches Treiben für verdienstlich erklärt? — So lange Sie die Beweise für diese frivolen Verleumdungen schuldig bleiben, müssen Sie es sich schon gefallen lassen, als öffentlicher Verleumder des bei weitem größten Theils der Judenheit. an _ den Pranger gestellt zu werden. Noch bekennt sich ja — wie selbst auf die Gefahr Ihrer gesteigerten Ungnade hin nicht oft genug wiederholt werden kann, — der größte Theil der europäischen und außereuropäischen Judenheit zu den Principien des von Ihnen verleumdeten orthodoxen Judenthums; in demselben Maaße wie das Reformjudenthum täglich mehr und mehr seiner Auflösung entgegen geht, gewinnt das alte sogen, orthodoxe Judenthum an Ausdehnung und Festigkeit, vollzieht sich vor unseren Augen eine so vollständige Neubelebung des alten orthodoxen Judenthums, daß es von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, vielleicht gestattet ist, von einer Neu-Orthodoxie zu sprechen. Welche Waffen haben Sie nun dem Unverstand und der Böswilligkeit, die Sie doch bekämpfen wollten, durch diese erbärmlichen Verdächtigungen an die Hand gegeben? Der Judenhaß und der böswillige Unverstand geht ja, braucht ja auf diese von Ihnen beliebte Scheidung zwischen orthodoxen und anderen Juden nicht einzugchen, er verweist auf Ihr Buch und johlt Ihre verleumderischen Insinuationen freudig nach. Warum auch nicht? Wenn ein angeblicher Apologet des Judenthums und der Judenheit, wenn ein bayerischer Bezirksrabbiner, frisch weg be- | hauptet, es gibt bei uns Juden eine rohe blind- I fanatische Sorte, welche sich jede öffentliche Bej schimpfung Andeisdenkender durch Wort und Thak als ein Verdienst anrechnet, was brauchen dann die Rohling, Willmanns mehr zu sagen, als diese Ergüsse der Bruderliebe nachzubetei? Die Lüge ist aber eine so ungeheuerliche, Juden, orthodoxe und nicht orthodoxe, habcn sich, so vielfach auch sonst ihre Wege auseinandergehen mögen, gerade in ihrem Verhalten Andersdenkenden gegenüber so wenig vorzuwerfen, stehen in dieser Hinsicht so makellos lauter da, daß die Dreistigkeit dieser Exvectvrationen geradezu unerhört ist, auch in einem Munde, der nicht von Liebe und Versöhnung überfließt. — Es gibt nur eine Erklärung dafür. 2UU dem Reformjudenthum gehl's auf die Neige, seine alten Kämpen, welche vor drei, vier Decennien bei dieser ihrer Schöpfung G.vaiter gestanden, werden älter und haben zum großen Theil schon den Schauplatz ihrer irdischen Tätigkeit verlassen, ohne jüngeren weiter fortwirkenden Nachwuchs zurückgelassen zu haben. Das gesetztreue Judcnthum, das man mit Vorliebe neuorthodoxe nerrrtt, hat überall, wo es wieder festen Boden gefaßt hat, so glänzend die sogenannte Reform aus LlM Felde geschlagen, hat überall so erfolgreich die jüdischen Geister und Herzen wieder für sich gewonnen und gewinnt sie täglich mehr und mehr, hat die Lebensunfähigkeit der Reform so überreugend nachgewiesen, daß der instinctive Haß unserer Reform-Simsone, wie das letzte Äufflackern eines bald verlöschendes Lichtes, sich bei jeder Gelegenheit in seiner ganzen Verbissenheit bemerklich macht. Tastend rütteln sie in ihrer Verblendung an den Säulen des von ihnen errichteten Kartenhauses, verleugnen ihr eigenes Evangelium, das Monopol der Duldung, Versöhnung und Menschenliebe, als dessen alleinige Pächter sie sich bis jetzt gerirt haben, beschleunigen bewußtvoll rhren Untergang, wenn sie nur den Neuorthodoxen eins dabei anhängen können; möge meine Seele mit den Neuorth'odoxen sterben, denkt Herr Dr. Grünebaum, und — verleumdet. Einstweilen ist jedoch wenig Aussicht vorhanden, daß die Neuorthodoxie diesem frommen brüderlichen Wunsche Folge leisten wird. Sie geht über diese Verl.umdungen mit dem ruhigen