Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1877)
- Date
- 1877-10-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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984 eines Reform - Rabbiners eo ipso von Zwergfell erschütterndem Interesse wird, erst mit der 79. an Pie Reihkommt. Bei einem Reformrabbiner, der die Göttlichkeit der m-.n leugnet, verlohnt es sich nicht, die einzelnen falsa, die er sich bei dieser Gelegenheit zn Schulden kommen läßt, hervorzuheben. Die ganze Leugnung ist in den Augen des gesetzestreuen Juden ein Schnitzer von ganz inkommensurabler Große, die Man durch ein Eingehen en detail beeinträchtigen würde. — Es ist allerdings ergötzlich, wenn man irgend einen dieser Scheingründe herausgreift, die gelehrte Verbrämung abstreift und nun die Armseligkeit gewahr wird, die unter der prunkenden Hülle, so Manchen blendet. „Die im Königsgesetze (Deut. 17. 15) vorausgesetzte Möglichkeit, daß man einen, der kein geborner Israelit war, zum König sollte wählen wollen, dürfte übrigens für die Kritik des Dentronomium nicht ohne Interesse sein, da sie auf dem Standvunkte des Mosaismus kaum denkbar ist." 1) Welche spitzfindige Haarspalterei würde sich der Talmud mit Recht müssen nachsagen lasse , wenn er ein solches Raisonnement auftischte, das von der aufgeklärten gesinnungsgenössischen auf der Höhe der Forschung stehenden Bibelkritik als eitel feinfühliger, kritischer Tact besudelt zu werden, alle Aussicht hat. Zu Nutz und Frommen Derjenigen, welchen es nach solchen bibelkritischen Lorbeeren gelüftet, wollen wir einige Anleitungen an die Hand geben, wie dieser geniale, bibelkritische Wink sich möglichst fruchtbar verwerthen läßt. Die im Decalog durch das Diebstahl-, Mord-, Ehebruchsverbot vorausgesetzte Möglichkeit, daß man stehlen, morden, ehebrechen re. wolle, dürfte für die Kritik' des Decalog nicht ohne Interesse sein, da sie auf dem Standpunkte des Mosaismus kaum denkbar ist. — Leider steht aber der Dekalo g, sogar nach Herrn Dr. Grünebaums Ansicht (S. 9.) auf dem Biden des von ihm erträumten Mosaismus. Doch wir wollen, wie gesagt den Mantel der vom Verf. gepredigten Liebe auf diese Kleinigkeiten, welche den ersten Theil dieses Buches ausmachen, werfen, und uns dem zweiten und größeren Theil, dem Talmud und der ihm hier widerfahrenen Behandlung zuwenden. — Auch hier ist es nicht die sattsam bekannte Stellung, welche den Talmud als Werk von Menschen ansieht (S. 81.), die unser Interesse fesselt. Selbst die zahllosen obligatorischen Schnitzer, haben nur ein untergeordnetes komisches Interesse, das aber bei einiger Erwägung allerdings auch einen sehr ernsten Hintergrund hat. Wäre es nämlich möglich, die ganze schiefe Auffassungsweise des Talmud, die in und zwischen jeder Zeile dieses Buches zu lesen ist, zu übersehen, so könnte man wohl anerkennen, daß manche Angriffe, welche der Talmud und seine Sittenlehre von talmudfeindlicher oder talmudunkundiger Seite erfahren haben, in dieser Arbeit mit Geschick widerlegt sind. Stößt man aber dabei auf di? Unzahl von Gedankenlosigkeit, die selbst weniger kundigen Kenner der talmudischen Literatur nicht entgehen können, so geht der etwaig? Werth dieses Buches vollständig verloren, denn man glaubt dann und zwar nicht ohne jede Berechtigung, von einem Unsinn auf den anderen schließen zu dürfen, der es tatsächlich vielleicht doch nicht ist. — Das Interesse aber. das es in erster Reihe verlangt, das Buch einer eingehenderen Besprechung zu un-! terziehen, als es seinem wissenschaftlichen Werth nach verdient, ist überaus ernster Art. Man vergegenwärtige sich: Ein Rabbiner schreibt ein umfangreiches. für christliche Kreise ausschließlich berechnetes Buch, das dem Unverstand und der Böswilligkeit gegenüber Judenthum und Judenheit vertheivigen will, dessen Verfasser Allen ohne Ausnahme die j Bruderhand zu reichen verspricht, und dieselbe j Bruderhand überschüttet dabei die nächsten Brüder l mit einer solchen Fluih unerhörter Verleumdungen : und Verdächtigungen, daß man factisch seinen eigenen Augen nicht trauen möchte!! Freilich sind es nur orthodoxe Juden, gegen welche diese gehässigen nn’DO, diese verleumderischen Denunciationen gerichtet sind. Aber haben diese „Frommen", die des Herrn Rabb. Bruderhand mit Gänsefüßchen auszustatten so gütig sind, keinen Anspruch auf das um Alle zn schlingende Band der Einheit und Liebe? Schöpfen sie nicht — um die Liebe athmenden ipsissima verba magistri zu gebrauchen — schöpfen sie nicht in (?) demselben unversieglichen Borne der Gotteserkenntniß ihre tiefste geistig und sittliche Beseligung?2) Und die Bruderhand schreibt, Seite 206: „Und zeugt es nicht von Gemüth, wenn der Talmud jede öffentliche Beschämung des Nebenmenschen als ein wahres Verbrechen brandmarkt? Sie wird dem Mord und der Blutschande gleichgestellt, und dem Menschen, der sich ihrer schuldig macht, die ewige Seligkeit abgesprochen? — — -Es wurde dieses Verbot auch immer in Israel sehr hoch geachtet. ES war unserer Zeit Vorbehalten, daß der rohe, unwissende, blind fanatische Theil der Neuorthopoxie jede öffentliche Beschimp- 1) 358. Anmerkung. 2) Vorwort S. IV.