Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1877)
- Date
- 1877-10-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVIII. Jahrgang. Erste Leilaße )u tlr. 41 des Israelit. Leitender Artikel. Aach ein Reform - Rabbiner als Talmiid- Vcrthkidigrr. Wenn Bileam Israel segnet, wo er es fluchen will, wenn Haman einen Mordechai in dem Augenblick die höchsten Ehren erweist, wo er ihn vernichten möchte, oder wenn ein Reform - Rabbiner sich zur Verteidigung des „intoleranten" Talmud herabläßt, überhaupt wo sonst ein jn das jüdische Glück durch sein Amen anerkennen muß, da erleidet diese Ironie dls Schicksals durch den Umstand eine Beeinträchtigung, daß diese Anerkennung durch einen äußern Zwang herbeigesührt wird, die dem Anerkennenden, für den Augenblick wenigstens, die Möglichkeit benimmt, anders zu handeln. Bei Bileam ist es der directe Einfluß Gottes, der den Fluch in Segen verwandelt, Haman erweist seinem Feinde Ehre auf den Befehl seines Königs, der Reform - Rabbiner muß den Talmud auf das Verlangen eines preußischen Kreisgerichts vertheidigen, und dem r ringt der überwältigende Anblick der jüdischer Glückseligkeit sein Amen ab. Wenn aber — um bei dem Beispiele aus der jüngsten Gegenwart stehen zu bleiben — ein Reform - Rabbiner ohne directe äußere Veranlassung aus eigenster Initiative als Anwalt des Talmud aufiritt, sv liegt darin eine so vollendete Ironie des Schicksals, daß sie nur noch durch folgende Erwägung einer Steigerung fähig ist. Wer über dem Ernst des Lebens nicht die heiteren Jntermezzo's desselben vergißt, erinnert sich wohl noch des Augsburger Schwanengesangs unseres officiellen Reform - JudenthumS. Eine derjenigen Piecen, durch welche die heiligen Sänger sich besonders um die Lachmuskeln des Laienvol'kes verdient gemacht haben, war ein Antrag um Abschaffung des Schulchan Aruch und als man im Lauf der Discujsion erfuhr, daß das Nebel des Schulchan Aruch eigentlich im Talmud wurzele, sollte die Abschaffung des Talmud ausgesprochen werden. Einer verhältnißmäßig vernünftigen Stimme, welche auf das Lächerliche eines solchen Absetzungsdecrets hinwies, hat eS der Talmud lediglich zu verdanken, daß der Antrag, nachdem er lange discutirt worden war, klanglos zu seinen Vätern eingethan wurde, und er nun weiter existiren darf. Daß es aber am guten Willen nicht gefehlt hat, bezeugen die zwei Jahre später erschienenen, s. Z. auch in diesen Blättern gewürdigten Protokolle. Ein Lustrum ist seitdem vergangen und heute liegt uns von einem Mitgliede dieser heiligen Genossenschaft eine Apologie des Talmud vor. — Sie bildet einen stattlichen 448 Seiten umfassendem Band und führt den Titel: „Die Sittenlehre desJudenthumS anderen Bekenntnissen gegenüber; nebst dem geschichtlichen Nachweise über Entstehung und Bed eutung des Pharäsaismus und dessen Verhak tniß zum Stifter der christlichen Religion. Von vr. E. GrünebaitM, Bezirke r ab bin er zu Landau." Dos Buch hat, wie uns der Verfasser im Vorwort sogt, zunächst nur den rein wissenschaftlichen Zweck, die durch die gewöhnliche Auffassung der neutcstamentalischen Schriften genährten Vvrurtheile auf ihren Unwerth zi rückzuführen, sodann aber auch die sittlich - practische Aufgabe, seinerseits an der Zerstörung der Scheidewände mitzuarbeiten, welche Fanatismus und Separatismus aufgerichtet. Es will das Band der Einheit und Liebe um Alle schlingen, welche aus demselben Borne der Gotteserkenntniß ihre Beseligung schöpfen. „Wir wollen nur versöhnen. Allen ohne Ausnahme in Liebe und Treue die Bruderhand reichen." Was .darf man bei solchen von Liebe und Frieden triefenden Vorsätzen bei jedem Autor und nun gar bei Herrn vr. Grünebaun: erwarten? Seine ganze Vergangenheit bezeugt es ja, wie cs keine blvs platonische, sondern eine tief in die Lebensvcrhältniffe mit den greifbaren Folgen eingreifende Liebe ist, welcher er das Wort redet Welche Liebe und Versöhnung mag die ausnahmslos Alle umfassende Bruderhand vorschreiben, nachdem die schwiegerväterliche bereits so allumfassend rwyoi entschieden hat? Mit diesen aus dcm Vorworte geschöpften Erwartungen gingen wir an die Lectüre des Buches. Wir hatten nach alledem ein Recht, auf eine ganz besonders starke Auflage jener Friedenstiraden gefaßt zu sein, ohne welche man sich einen Reform- Rabbiner und seine literarischen Productionen nicht denken kann; und wappneten uns mit der entsprechenden Dosis Geduld. — Es war dies besonders für die ersten 78 Seiten nothwendig, da der Talmud, also der Tyeil, der unter den Händen