Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1877)
- Date
- 1877-10-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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982 fühlte sich einer Ohnmacht nahe. — Nach einigen Minuten, in denen er ihr Zeit ließ, ihre Fassung wieder zu erringen, fuhr Carl fort: „Das Unglück muß hier in der Nähe geschehen sein. Heute Morgen nach Schluß der Synagoge traf ich vor Rosenbaums Wohnung eine Masse Leute, Die sich von dem Entsetzlichen unterhielten. Man hatte die Verunglückte, die man für leblos hielt, so eben hinauf getragen; ich eilte nach. Rosenbaums Verzweiflung kannst Du Dir denken. Als der schleunigst herbeigerufene Arzt die Verwundeteuntersuchte, entrang sich ein leises Aechzen ihrer Brust und bewies, daß das Leben noch nicht entflohen; doch es wahrte lange, bevor sie zum Bewußtsein kam. — Endlich, es war bereits Mittag , schlug sie die Augen auf. Ihr erster Blick fiel auf ihren Sohn. O, es war entsetzlich — der ganze unsägliche Jammer eines verzweifelnden Mutterherzens sprach sich in diesem Blicke aus und ihre bleiche Lippen stammelten: Fluch dem Tage, an dem ich Dich gebar! — Rosenbaum brach ohnmächtig zusammen. Mit Hilfe des Arztes brachte ich ihn aus dem Zimmer und es gelang, ihn bald wieder zu sich zu bringen. Doch was nun folgte — meinem ärgsten Feinde wünsche ich nicht Aehnliches zu erleben. .Jetzt erfuhr ich auch den eigentlichen Hergang der fürchterlichen Katastrophe. Nofenbaum hatte gar keine Ahnung davon, daß seine Mutcer hier ist. Er vermuthet, daß sie in ihrem Städtchen erfahren, daß er den Sabbat entweiht und daß sie deßhalb, ohne ihn davon zu benachrichtigen, hergekvmmen. um sich mit eigenen Augen *zu überzeugen. Wahrscheinlich ist sie an seinem Geschäft vorübergegangen und Hai es offen gesehen und in den- Schmerz, der sie bei diesem Anblick erfaßt, scheint sie ihre Umgebung vollständig vergessen zu haben. „Der Arzt hat wenig Hoffnung für ihr Aufkommen; Rosenbaum darf nicht zu ihr, seine Gegenwart würde sie zu sehr erregen, aber es wäre entsetzlich, wenn sie scheiden würde, ohne den Fluch von dem Haupte des Reuigen genommen zu haben. „Als Du, liebes Röschen, mir Deine Begleitung antrugst, war ich zuerst im Begriff, sie zurückzuweisen, weil ich Dich an diesen Ort des Elends und des Jammers nicht führen wollte; dann aber kam mir der Gedanke, daß es Dir, Deinen sanften freundlichen Worten, vielleicht gelingen könne, die unglückliche Mutter von der bittern, aufrichtigen Reue ihres Sohnes zu überzeugen und so eine Versöhnung zwischen Mutter und Sohn herbeizuführen. Ich hatte eigentlich selbst die Absicht, diesen Versuch zu unternehmen; doch es könnte die Kranke vielleicht unangenehm berühren, einen fremden Mann an ihrem Bette zu treffen; wenn Du Dich daher stark genug hältst. den Anblick des Jammers und die Erregung zu ertragen „O, gewiß, gewiß, ich würde mich glücklich schätzen, wenn es'mir gelingen würde, Deine Hoffnung zu verwirklichen." „Das wußte ich und ich glaube, wenn Du einige Stunden an ihrem Bette verweilst, so wirst Du ihr Zutrauen gewinnen und kannst dann zu ihr reden, wie es Dein Herz Dir einaibt." Rosa erwiederte nichts, doch ihr hastiger, elastischer Schritt bewies, daß die Hoffnung Gutes zu wirken sie ihre Geistesfrische rasch hatte wieder finden lassen. Ein leises Beben erfaßte sie zwar von Neuem, als sie das Haus des Unglücks betrat; doch an der Seite des Bruders eilte sie die Stiegen hinan und trat mit ihm in das Zimmer, in dem er Nofenbaum wußte. Der unglückliche junge Mann kniete vor der Thür des anstoßenden Zimmers, in dem seine Mutter sich befand; sein Ohr an das Schlüsselloch gedrückt, lauschte er auf jeden Laut, auf jedes Aechzen der Verwundeten. Die Geschwister traten an ihn heran und reichten ihm die Hand. Er wechselte die Farbe und erhob sich vom Boden; doch ihre Hand berührte er nicht. Carl zog ihn an das entgegengesetzte Ende des Zimmers und theilte ihm die Absicht seiner Schwester mit. Dunkle Gluth überzog für einen Augenblick das verstörte Angesicht des Unglücklichen, er war im Begriff ihre Hand zu ergreifen, doch er hielt an sich. „Die Berührung des Muttermörders darf die Edle nicht besudeln," murmelte er vor sich hin und folgte ihr mit seinen Blicken, als sie sich in das Krankenzimmer be-.-ab. Carl that sein Möglichstes , dem Verzweifelnden Trost und Hoffnung zuzusprechen. Während Rosa am Krankenbette weilt, dürfte e-; wohl gerathen sein, den freundlichen Leser mit der Persönlichkeit der Verunglückten näher bekannt zu machen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: I)r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchbruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).