Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1877)
- Date
- 1877-10-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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98 L für die bisher ihm für die türkischen Juden zugegangenen Gaben dankend, aufs Dringendste um weitere Unterstützung. Leider sind die am Kriegsschauplatz wohnenden nicht die einzigen Juden, welche die fluchwürdigen Folgen des so freventlich begonnen Krieges empflnden. In der ganzen muselmanischen Welt haben die türkischen Siege zu Ausbrüchen der Roheit und des Fanatismus geführt; so wird auch aus Tunis und Marokko über Ermordungen und Verfolgungen berichtet, welche in beiden Ländern die friedlichen Juden in fortwährender Todesangst erhalten. (Schluß folgt.) Feuilleton. Licht und Schatte». Erzählung von Friedrich Rott. V. „Wohin gehen wir?" fragte Rosa, die Hand auf den ihr dargebotenen Arm des Bruders legend. Er erwiederte nichts und schweigend, doch verwundert über sein seltames Benehmen schritt sie an seiner Seite die Straße entlang. „Röschen" begann er endlich „wäre Dir der Anblick eines Kranken unangenehm?" „Welche Frage, Carl! glaubst Du, daß ich niemals Kranke besuche?" „Das weiß ich wohl, daß Du das thust," erwiederte er, „doch ich habe mich undeutlich ausgedrückt, ich wollte Dich fragen, ob es Dich unangenehm berühren würde, einen schwer Verwundeten." — „Carl," rief sie erbleichend „was ist geschehen? wem ist ein Unglück widerfahren?" „Sei unbesorgt, keinem unserer Bekannten." Rosa athmete erleichtert auf „und wohin gehen wir?" fragte sie. „Zu Rosenbaum, zu Jakob Rosenbaum" erwiederte er. „Zu Rosenbaum" flüsterte sie erröthend, „aber da kann ich Dich nicht begleiten" und sie war im Begriff ihre Hand aus seinem Arm zu ziehen; doch er hielt sie zurück. „Du kannst mich dorthin begleiten und ich bitte Dich sogar, es zu thun. Rosenbaums Mutter ist nämlich hier, sie liegt schwer verwundet in seiner Wohnung. Eine Wärterin ist zwar bei ihr, doch ich glaube, es könnte der alten kranken Frau vielleicht willkommen sein, ein unbezahltes weibliches Wesen bei sich zu sehen — namentlich, da ihr Sohn nicht zu ihr darf." Rosa war furchtbar bleich geworden, die Sprache versagte ihr; Carl fühlte an dem Beben ihrer Hand, daß sie zitterte; dennoch beschleunigte sie ihre Schritte. „Was ist der alten Frau geschehen?" fragte sie nach einigen Minuten leise'. „Sie ist überfahren worden," entgegnete er. „Und warum darf ihr Sohn nicht zu ihr?" Sie hatten Rosenbaums Wohnung beinahe erreicht. „Laß uns noch einen Umweg machen," sagte Carl, „ich sehe ein, es ist nothwendig , Dich zuvor von Allem in Kenntniß zu setzen. Du weißt," fuhr er fort, indem er in eine Seitenstraße einlenkte. „daß Rosenbaum bisher sein Geschäft am Sabbat offen hatte und auch keinen Anstand nahm, wenn das Geschäft es erheischte, am Sabbat zu fahren. Wie Du weißt, habe ich ihm wiederholt deßhalb Vorstellungen gemacht und war es mir auch bereits gelungen, ihn zu dem Entschlüsse zu bringen, seinem unjüdischen Lebenswandel zu entsagen. Sein Compagnon machte Schwierigkeiten und ist er deßhalb bereits im Begriff, sich von ihm zu trennen. Nur diesen einen Sabbat noch, sagte er mir vorgestern. müsse er das Geschäft offen haben und auch persönlich dort sein; sein Compagnon, der auf nichts eingehen wolle, sei verreist, für dieses Eincmal könne er sich nicht helfen. Ich machte ihm natürlich Gegenvorstellungen , doch ohne Erfolg. Dieses einzige Mal noch und dann nie wieder. Und dabei nahm er sich vor, von dem Verdienst dieses Sabbats keinen Gewinn zu ziehen und sich selbst überhaupt jeder unerlaubten Thätigkeit zu enthalten. Doch die Macht der Gewohnheit siegte über diesen letzteren Vorsatz; als sich im Laufe des Vormittags die Nothwendigkert herausstellte, eiligst einen Gefchäftsweg zu besorgen, vergaß, er des Sabbats und stieg in eine Droschke. — Der Droschkenführer soll betrunken gewesen sein und dadurch die alte Frau überfahren haben, die, des großstädtischen Treibens ungewohnt, sorglos auf dem Fahrweg dahin schritt — sie wurde überfahren und schrecklich verstümmelt und als Rosenbaum in Todesangst aus dem Wagen sprang, um sich durch Augenschein von dem Unglück zu überzeugen, erkannte er in der Unglücklichen, die sein Wagen überfahren — die eigene Mutter." Rosa stieß einen halbunterdrückten Schrei aus und bedeckte die Augen mit der Hand, sie