Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1877)
- Date
- 1877-10-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447735--14184-2470082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
980 Das neueste Bulletin der „All. Jsr. Univ." bestätigt in detaillirtester Weise die Juden-Massacres in Kafanlik, Eskisagra und anderen Orten, unter Aufzählung der Namen der Getödteten und der Geflüchteten. Das Elend ist unermeßlich. Wir wollen aus den vielen Berichten nur folgenden mittheilen: Im Augenblick, wo dieser Bericht unter die Presse geht, erhält das C. - Comite noch folgende Mittheilungen von H. v. Comondo: Letzten Freitag hat das unter Vorsitz des Großrabbinen von Constantinopel versammelte Consistorium beschlossen, zur Unterstützung der Verwundeten der ottvmanifchen Armee den Erlös von gegewissen beim Gottesdienste gebrauchten Silbergeräthen zu verwenden, die aus allen Synagogen des Reiches genommen werden sollen. (Veritä vom 3. Sept.) Es war am 22. Juli, als die russischen Truppen nach Eski-Zaghra kamen; sie blieben dort 9 Tage, während deren die israel. Bevölkerung, mehr als 600 Familien, die barbarischste Behandlung erfuhr. Die Centralsynagoge und 2 kleine der Gemeinde gehörige Tempel, die Schule und 5 andere kleine Privatsynagoge^ wurden zerstört, nachdem sie profanirt worden waren. Die Synagoge und die Schule allein hatten einen Werth von 26,000 Fr., außer dem Silberzeug von 500 Kilvgr. Gewicht, das sich darin befand; 22 Thorarollen, die in diesen Tempeln waren, sind zerrissen und mit Füßen getreten worben, nachdem man sie zu den gemeinsten Dingen benutzt hatte; 4 Frauen und 1 Mädchen, deren Namen die Flüchtlinge nicht nennen mochten, sind unbarmherzig geschändet worden. Alle Häuser der Israeliten, ihre Magazine, ihre Läden wurden ausnahmslos der Plünderung überliefert. Nachdem die unglücklichen Opfer ausgeplündert waren, schleppten sie die Bulgaren in ihre Häuser, um sie abzuschlachten; auf diese Weise wurde Jacob Djaen getödtet von einem ^Jta<S)barn, dem er mehr als einmal Gefälligkeiten erwiesen hatte, und Emanuel Saranga, der plötzlich verschwunden ist. Andere sind nur wie durch ein Wunder dem Tode entgangen, indem sie sich in Backöfen, Brunnen, Gruben versteckten, wo sie undenkbare Leiden zu ertragen hatten, so die drei Brüder Haim, Jacob und Abraham Bedjarano, nach denen man in der allerminutiöfesten Weise suchte, weil sie als Patrioten und Türkenfreunde bekannt waren. Ein armer Almosensammler aus Jerusalem, Rabbi Jsaac, und ein junger Mensch von 16 Jahren, Sam. Almaleh, find von den Bulgaren in dem Augenblicke, als sie die Stadt verließen, geknebelt und eingesperrt worden. So lange als die Russen in Eski-Zaghra waren, durften die Israeliten absolut nicht aus ihren Häusern gehen, sie konnten dadurch kein Brod und keinerlei Lebensmittel einkaufen. Man verbot ihnen sogar das türkische Käppchen zu tragen, und mehrere von ihnen wurden grausam mißhandelt, weil sie die bulgarische Mütze trugen; es blieb ihnen daher nichts übrig, als unbedeckt zu bleiben, bis man ihnen irgend eine Kopfbedeckung erlaubte. Ebenso wurde ihnen verboten, eine andere Sprache als bulgarisch zu reden. Auf alle ihre Häuser wurden Kreuze gestellt. Am 1. August machten sich die türkischen Soldaten von Neuem zu Herren der Stadt; die Israeliten , die sich gerettet glaubten, empfingen sie als Befreier, aber ihre Leiden waren noch lange nickt zu Ende. Da die Bulgaren sich in ihren Häusern verbarrikadirt hatten und aus denselben fortwährend auf die Soldaten schossen, zündete die türkische Armee die Stadt an, nachdem sie früher die ganzenichtkämpsende Bevölkerung hatte herausgehen heißen. Die armen, ohnehin ihres Vermögens bereits beraubten Juden sahen nun noch ihre Wohnungen zu Asche werden und mußten in aller Eile die Flucht ergreifen, ohne irgend Etwas mitnehmen zu können. Es war ein herzzerreißender Anblick, den diese Menge von baarfüßigen und baarhäuptigen, durch Ermattung und Hunger abgezehrten Flüchtlinge dardot. Nach einem fünfstündigen Marsche nach Karabunar mußten 2 unglückliche Väter ihre Kinder begraben, die so vielen Mangel nicht hatten ertragen können. Die übrigen Flüchtlinge wurden von den türkischen Soldaten des Ortes mit Freundlichkeit empfangen, die ihnen mit Wasser und Zwieback entgegenkamen, und die Regierung stellte rhnen die Eisenbahn zur Verfügung, die sie nach Adrianopel brachte. Ein Mann, Joseph Asfa, 45 Jahre alt, dem die Bulgaren mehrere Male das Messer an den Hals gelegt hatten, starb unterwegs; zwei schwangere Frauen kamen im Waggon nieder; zehn Kinder erlagen allen diesen Prüfungen in den ersten 8 Tagen nach ihrer Ankunft in Adrianopcl. — Zwei isr. Aerzte von Schumla, Or. Phaler und AbeleS, behandeln die armen kranken Flüchtlinge daselbst unentgklrlich, die in fortwährend wachsender Zahl hauptsächlich am Fieber leiden; die ihnen von der Behörde umsonst gelieferten Medicamente reichen lange nicht aus, und H. Hayim Zemach bittet das C.-Comito, denselben durch eine an die dortige Gemeinde zu richtende Sendung von schwefelsaurem Chinin zu Hilfe zu kommen. Wird bewilligt. Das Central-Comite der Alliance unter dem Ehrenvorsitz des Oberrabbiners Isidor und präsidirt von dem Senator Crämieux, bittet deshalb,.