Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1877)
- Date
- 1877-10-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XVIII. Jahrgang. Erste Leilage zu Ar. 40 des Israelit. Leitender Artikel. Die Iudenhktzc i« Kaj'anliK. Herr Lichtenstadt, Berichterstatter der „Presse", schreibt aus Bukarest, 16. Sept.: Es war ein herzzerreißender Anblick, der sich beute meinen Augen bot, ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Im Hofe des türkisch-israelitischen Bethauses von Bukarest kauerten einige Hundert verkommen aussehende Gestalten, Männer, Weiber und Kinder, die meisten in Lumpen gehüllt. Hunger, Elend und Schmerz hatten tiefe Furchen in die Wangen der Armen eingegraben. Sie weinten — und es waren blutige Thränen, die den brennenden Augen entströmten. Der Eine hatte den Großvater, der Andere den Bruder verloren, ein Weib jammerte um Leben und Ehre der Tochter, ein anderes um den gemordeten Sohn und den erschlagenen Gatten, Alle waren ihres Vermögens beraubt, durch Mißhandlungen gepeinigt, aus der Heimath verjagt worden. Die Bulgaren von Kasanlik hatten eine Judenverfolgung nach mittelalterlichem Style arrangirt; hier in Bukarest sah ich die Opfer. 45 Tage und Nächte waren die Aermsten auf dem Weg'e, auf der Flucht aus ihrer Heimath. Niederträchtiger Uebermuth eines „befreiten" Volkes hat an ihnen sein Müthchen gekühlt; das Dichterwort: „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht — zittere," bewährt sich hier in erschreckender Weise. Wenn ich nicht durch andere Beobachtungen, die mir schon während meines mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Bulgarien sich aufdrängten, die Ueberzeugung erhalten hätte, daß die Türken, indem sie dieses Volk physisch unterjochten, es auch Physisch und moralisch zu Grunde richteten — die Gräueltaten, an schuldlosen Juden verübt, hätten mir genug Beweise hiefür geliefert. Die armen Vertriebenen hatten kein Wort der Klage gegen die russischen Soldaten, im Gegentbeile, sie hoben ausdrücklich mit Dank hervor, daß sie ihr Leben den Kosaken verdanken, welche die wüthenden Bulgaren abwehrten, und daß russische Generale sie mit Geleit- und Empfehlungbriefen versahen; Bulgaren allein waren es, welche die Unthaten verübten. — Um die Unglücklichen, die im Hofe des israelitischtürkischen Tempels saßen, sammelte sich eine große Menge teilnehmender Bewohner und keiner blieb mitleidlos, der sah und hörte, was die Vertriebenen gelitten. Aus den Häusern Bukarests schleppte man herbei, was an Wäsche und Kleidern entbehrt , werden konnte; im Thoreingang faßen die angei sehensten Männer der Gemeinde, um Geldgaben zu entnehmen und Keiner entfernte sich aus dem i Hofe des Jammers, ohne eine Gabe für die Un-! glücklichen zurückgelaffen zu haben. Am Vorabend : des Versöhnungsfestes ist ohnedies die geschäftliche; Thätigkeit fast Null, um so größer war der Andrang. um so stimmungsvoller — mit Rücksicht auf; das Fest — jedes Gemüth. Die Vertriebenen hatten sich in ihrer Heimath j einer gewissen Wohlhabenheit erfreut, Einige waren sogar sehr reich — jetzt sind sie Alle gleich, Betti ler. Ohne Haus, ohne Hof, ohne Hab und Gut, ohne Obdach für heute, ohne Hoffnung für die i Zukunft. Ohne Hoffnung? Nein, sie wissen, daß; die Mildtätigkeit der Menschen sich ihrer annehmen wird, daß sich nicht nur ihre Glaubensgenossen. nein, daß jeder fühlende Mensch sich für ihr! Loos interessiren wird. Sie empfangen jetzt schon! Beweise dieser Theilnahme und es ist zu hoffen,! daß ihnen bald eine ständige Unterkunft wird geboten werden. Die Vertreter der fremden Mächte können zwar amtlich sich ihrer nicht annehmen, aber auf die Initiative des österreichischen General- Consuls, Herrn Zwiedinek v. Südenhorst, wird die Obsor e für die nunmehr unter dem rumänischen Schutze stehenden türkischen Untertanen der rumänischen Regierung wärmstens an's Herz gelegt werden. Biele der Armen sind von der Behandlung, die sie erduldet, und von der Erschöpfung in Folge der fünfundvierzigtägigen Wanderung so ermattet, daß sie nicht zusammenhängend schildern können, was sich zugetragen; nur von etwa Dreien, die auch entwickeltere Intelligenz besitzen, konnte ich Mit Hilfe eines „ Spagnwlen", der ihre Sprache verstand, eine genauere Auskunft erhalten. Diese Drei, Salomon Berach, Mercado Cohen und Moson Canetti, theilten mir Folgendes mit: Als uor etwa zwei Monaten die russischen Soldaten einmarschirten und die Türken davonliefen, wollten wir auch entfliehen, aber da sagten die Bulgaren zu uns: „Was lauft Ihr davon? Wir thun Euch ja nichts!" Und wirklich haben sie uns nichts gethan die ersten vier Tage. Salomon Berach sagt: „Den russischen Soldaten ist erlaubt worden, eine Stunde lang in türkischen Häusern zu plündern, aber uns haben sie nichts Böses zugefügt." Mercado