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Der Israelit · 1877-10-03 · Heft 40 (3.10.1877) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 40 (3.10.1877)
Date
1877-10-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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954 Die Farbe in Rosaus Wangen stieg noch höher; ihr selber unbewußt ergriff sie die Hand ihres Bruders und drückte sie innig; er erwiderte ihren Händedruck, doch um seine Lippen zuckte es schmerzlich. „Du hast schon neulich die Hoffnung ausgesprochen, daß Du ihn dazu bringen würdest," bemerkte der Vater, „doch ich glaubte nicht, daß es Dir schon so bald gelingen würde; Du sagtest, er müsse zuvor mit seinem Compagnon darüber in's Reine kommen." Carl erwiderte einige unverständliche Worte; Rosa wußte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben und das Mahl nahm seinen Fortgang; doch war die Unterhaltung heute weit weniger lebhaft als gewöhnlich. Sobald der Vater das Tischgebet gesprochen, erhob sich Carl hastig: „Es ist entsetzlich schwül, ich gehe auf ein Stündchen in's Freie." „Wenn Du es erlaubst, begleite ich Dich," sagte Rosa, „Du brauchst nicht lange auf mich zu warten; in fünf Minuten wird meine Toilette beendet sein." „Deine Gesellschaft wäre mir außerordentlich angenehm, aber es wird Dir zu heiß sein, Röschen." „Du willst ausgehen, weil es so entsetzlich schwül ist und Rosa soll zu Hause bleiben, weil es zu heiß ist," rief Eduard lachend. „Sage lieber gerade heraus, daß Dir ihre Begleitung nicht willkommen ist." Der Vater warf ihm einen mißbilligenden Blick zu; er hatte längst errathen, daß sein ältester Sohn ihm ein unangenehmes Ereigniß verschwieg, doch er forschte nicht danach, denn principiell wollte er sich den Genuß des Sabbat nicht verderben. „Ich glaube auch, Röschen, es wäre besser, Du bliebest bei dieser Hitze zu Hause." „Nicht doch, lieber, Vater; es hat sich soeben ein leichter Wind erhoben, da wird es nicht so unerträglich sein." ,Also, Röschen, darf ich mir das Vergnügen ausbitten? wenn uns das Wetter nicht behagt, so machen wir zusammen einen Besuch." „Ich werde im Nu wieder hier sein," erwiderte sie und eilte hinaus. „Es scheint ein Gewitter im Anzuge," bemerkte Eduard, „Ihr thätet wohl, Euch mit Schirmen zu versehen." „Du vergissest, daß heute Sabbat ist, und man hier am Sabbat nicht tragen darf!" fiel der Vater ein. „Sabbat?" wiederholte Eduard, „ich sehe nicht ein, warum sie sich am Sabbat naßregnen lassen sollten. Herr Doctor G .... ist mir heute Morgen mit dem Sonnenschirm begegnet." „Und was willst Du daraus folgern?" fragte der Alte scharf, „wird das Verbotene etwa erlaubt, wenn Doctor G ... sich darüber hinwegsetzt?" „Doctor G .... ist ein Gelehrter, südische Theologie ist sein Fachstudium; da sollte man sich doch wohl nach ihm richten können. Ich habe ihm sogar erzählt, daß Du es nicht gestattest, am Sabbat einen Schirm zu tragen; doch er erwiderte, wenn die glühenden Strahlen der Sonne die Augen blenden oder man befürchten müsse, durch den herabströmenden Regen sich eine Erkältu g zuzuziehen, so wäre das Tragen eines Schirmes nicht nur gestattet, sondern sogar geboten und zwar in doppeltem Sinne. Einmal weil es ja heißt: „wahret Eure Person," wodurch alles der Gesundheit Schädliche uns verboten ist, und dann auch, weil nach dem Beipiel unserer größten Männer wir uns den Genuß des Sabbat nicht verkümmern lassen sollen." „Doctor G.... ist ein Narr," erwiderte der Vater verdrießlich, „oder besser gesagt, er ist ein Schurke, denn er weiß es eben so gut wie ich und wie auch Du es weißt; denn auch Du hast es aus den Quellen selbst gelernt und weißt es daher, daß Alles, was der Doctor Dir da vorschwätzt, eitel Unsinn ist." Eduard erwiderte einige unverständliche Worte, indem er nach der Zeitung griff. Rosa war inzwischen wieder in's Zimmer getreten und während Carl dem Vater die Hand reichte, trat sie zu Eduard: „Ich bitte Dich um Alles in der Welt, verschone doch den Vater mit Deinen Mittheilungen über den Doctor G .. ., Du kennst doch des Vaters Ansichten und weißt, wie Deine Worte ihn erregen." „Sei unbesorgt," versetzte Eduard aufstehend, „der Onkel erwartet mich, ich gehe zu ihm hinaus," und ohne Gruß verließ er das Zimmer. Kopfschüttelnd schaute der Vater ihm nach, doch erwiderte er freundlich den Gruß seiner andern Kinder, die sich ebenfalls entfernten. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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