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Der Israelit · 1877-10-03 · Heft 40 (3.10.1877) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 40 (3.10.1877)
Date
1877-10-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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953 Spöttisch lächelnd blickte er zu ihr auf. „Hast Du keine Augen oder darfst Du sie am Sabbat vielleicht nicht gebrauchen, daß Du fragst, was ich thue?" „Eduard," flehte die Schwester, „ich bitte Dich um Gotteswillen, wirf den Bleistift fort, der Vater könnte erwachen und wenn er das sähe —" „Es ist seine eigene Schuld, warum läßt er uns so lange mit dem Essen warten? wenn es Carl gefiele, bis morgen auszubleiben, so müßten wir wohl für heute fasten." „Leg' nur den Bleistift fort," drängte Nosa, „und ich werde in der Minute für Dich auftragen lassen." „So gescheidt hättest Du schon vor einer Stunde sein können, denn ich habe einen Wolfshunger, darum beeile Dich." „Erst lege den Bleistift fort." „Nun, nun, nun, nur nicht so kategorisch, Kleine." „Um des Himmelswillen, Eduard, der Vater regt sich, er wird gleich erwachen; willst Du ihn unglücklich machen?" „Kümmert er sich etwa um mein Glück?" Der alte Grün schlug in der That eben die Augen auf und Rosa, in grenzenloser Erregung, ließ absichtlich einen Jahrgang der „Gartenlaube", den sie in der Hand hielt, auf die Hände ihres Bruders fallen, dem dadurch Notizbuch und Bleistift entgleiten mußten. „Ist Carl noch nicht gekommen?" fragte der Vater. „Ja wohl, lieber Vater," rief der eben Eintretende, „und ich bitte tausendmal um Entschuldigung , daß ich so lange ausgeblieben. Ihr habt doch hoffentlich nicht auf mich"gewartet?" „Allerdings haben wir das. Du weißt, daß ich am Sabbat meine Kinder gern vollzählig bei Tische sehe." „Ach, das thut mir in der That sehr, sehr leid." „Wo bist Du denn so lange gewesen?" fragte Rosa. Der Bruder schien ihre Frage nicht zu hören, er griff vielmehr nach seinem Hute, nnt dem er das Haupt bedeckte, dann neigte er sich vor dem Vater. „Willst Du mich nicht segnen, Väter?" Der Vater legte seine Hände auf des Sohnes Haupt und sprach' leise den Segensspruch, dann reichte er ihm die Hand und drückte die seine herzlich. „Nun lasset uns aber zu Tische gehen, Kinder," sprach er, sich erhebend. Er trat in's Nebenzimmer, vor dem Essen die Hände sich zu waschen, die Kinder folgten seinem Beispiel, Rosa gewahrte jedoch, daß Eduard spöttisch lächelnd das Wasser in das Lavoir goß, ohne die Hände damit zu befeuchten, sie vermied es, seinem Blicke zu begegnen und wandte sich zu ihrem ältesten Bruder; jetzt erst bemerkte sie, daß Carl auffallend bleich war, und daß ein zeitweiliges Zucken seiner Gesichtsmuskeln heftige Erregung verrieth. „Was ist Dir, Carl?" fragte sie, als sie an seiner Seite am Tische Platz nahm. „Es ist heute entsetzlich schwül," erwiderte er, die Stirn mit dem Tuche trocknend. „Du siehst recht echauffirt aus," bemerkte der Vater, „Rosa hat Recht, es scheint Dir nicht ganz wohl zu sein." „Sei unbesorgt, lieber Vater, und auch mein kleines Röschen darf sich keine Sorgen machen, ich fühle mich vollkommen wohl und Ihr werdet gleich sehen, wie ich dem Schallt zusprechen werde." Es lag jedoch eine erzwungene Heiterkeit in seinem Ton, und als das erwähnte Gericht auf dem Tische erschien, war er trotz der sichtlichen Mühe, die er sich gab, nicht im Stande, auch nur einige Löffel davon zu genießen. Besorgt hafteten Rosa's Augen auf ihm, doch sie schwieg, um den Vater nicht noch mehr zu beunruhigen. Der alte Grün, der dem Sohne eben eine interessante Bemerkung mittheilte, die er in einem Buche gefunden, ward durch dessen zerstreute Antworten ebenfalls beunruhigt. „Was ist Dir, Carl? Du scheinst Dich in der That unwohl zu fühlen." „Der Kopf schmerzt mich, es ist hier drückend heiß, ich muß gleich nach Tisch in's Freie gehen, dort wird es mir besser werden." „Wo bist Du denn Vormittags gewesen?" „Bei Rosenbaum," erwiderte er, sich über seinen Teller beugend. „In seinem Geschäft?" rief Eduard lebhaft. „Die Frage hättest Du Dir sparen können," entgegnete Carl scharf, „Du weißt sehr wohl, daß ich am Sabbat zu keinem Juden in's Geschäft gehe." „Aber ich weiß auch, daß Rosenbaum auch am Sabbat in seinem Geschäfte ist." „Heute nicht, heute ist es nicht offen." „Doch, ich selbst habe ihn schon früh am Morgen dort gesehen." „Es ist noch vor zehn Uhr geschlossen worden und ich gebe Dir mein Wort, Du wirst es am Sabbat nie wieder offen finden." „Da hast Du etwas Großes bewirkt," spottete Eduard, „das war's wohl werth, daß wir so lange hungern mußten."

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