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Der Israelit · 1877-10-03 · Heft 40 (3.10.1877) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 40 (3.10.1877)
Date
1877-10-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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950 hervor; jetzt hat man nur noch ein spöttisches Lächeln für diese unverstandene Erscheinung. O, wer uns die Glaubensinnigkeit früherer Zeiten zurückgeben könnte! Wie hoch stand namentlich die damalige Jugend über der jetzigen! Wie sticht bei allem Mangel an Weltgewandtheit, bei aller Ursprünglichkeit in den äußern Lebensformen das sittenreine Bild der früheren israel. Jugend in der Erinnerung noch glanzvoll von der zum großen Theile oft widerwärtig verschnörkelten Erscheinung unserer, auf ganz andern Wegen wandelnden, gebildet sein wollenden und Bildung affectirenden jetzigen Jugend ab! Diese Betrachtungen, die mich in den jüngsten Tagen schmerzvoll durchzogen, führten mir unwillkührlich eine Erinnerung aus meiner Jugendzeit vor die Seele, die ich hier vorzuführen nicht unterlassen will. Ich verlebte einige Jahre meiner Jugend in der ehemaligen kurhessischen Provinz Hanau und zwar im Kreise Schlüchtern, wo das Rhöngebirge und der Spessert sich begegnen. Fast am Ende des genannten Kreises, nahe der bayrischen Grenze hin, liegt, von üppigen, mit Bäumen seltener Höhe bestandenen Buchenwaldungen umrahmt, das Dorf Altengronau. Das ansehnliche Dorf hatte damals nur 4—5 jüdische Familien unter seinen Einwohnern; auf einer unweit des Dorfes befindlichen hohen Bergkuppe aber zählt die Zahl der dort in unübersehbaren Reihen in den Schooß der Erde gebetteten israel. Leichen nach Tausenden; denn von weit und breit aus Hessen und Bayern werden seit undenklichen Zeiten die jüdischen Leichen hierher auf das gemeinschaftliche „gut Ort" gebracht. In diesem Orte lebten damals, es war in den dreißiger Jahren, zwei jüdische Jünglinge, Söhne einer Wittwe, von denen der eine Schuhmacher, der andere Büttner war. Sie waren echte Söhne des Spessarts, groß und stark an Körper, wie die meisten männlichen Bewohner dieses Gebirges, aber auch derb, roh und ungeschlachtet, wie diese. Sie unterschieden sich in ihrem äußern Wesen und Gebühren durch nichts von der dortigen Bauernjugend; Sprache, Bildung und Lebensweise waren ganz dieselben, wie bei jener. Wer sie nicht kannte, hätte nimmer errathen, daß sie Juden seien. Ihr geschäftlicher Umgang beschränkte sich auch einzig und allein auf die Bauernjugend. Uebrigens waren sie rechtschaffen, fleißig, ehrlich und genügsam. Sie trieben jeder sein Handwerk, und wenn diese sie zuweilen nicht hinlänglich beschäftigten, so tagelöhnerten sie auch; denn sie waren arm und lediglich auf ihrer Hände Arbeit angewiesen. Sie waren Beide von ungewöhnlicher Körperkraft. So lonnte z. B. der Eine die schwersten Fässer mit den bloßen Zähnen in die Höhe heben und eine Strecke weit forttragen. Obgleich aber im höchsten Grade ungebildet und nur in christlichem Umgänge lebend, verletzten sie doch ihre religiösen Pflichten und die Speisegesetze nicht. Auch zeichneten sie sich noch durch eine Eigenschaft aus, welche wohl nicht allen jungen Leuten ihres Umganges in gleicher Weife eigen fein mochte, nämlich durch die Liebe und Verehrung gegen ihre Mutter, die sie durch ihrer Hände Arbeit ernährten. Da entstand einst in einer kalten Winternacht in dem Dorfe eine Feuersbrunft, welche einige Gebäude in Asche legte. Man mutbmaßte Brandstiftung. Diese Bermuthüng steigerte sich zur Gewißheit, als sich immer in Zwischenräumen von einigen Tagen die Feuersbrünste wiederholten und zwar jedesmal des Nachts. Die Aufregung war allgemein. Man stellte jede Nacht Wachen aus und ließ mehrere Mann im Dorfe patrouilliren. Lange vergebens. Da brach in ^iner Nacht wieder eine Feuersbrunst aus und gerade, als sie zum Ausbruche kam, wurde Einer der beiden Brüder (wir wollen ihn Wolf nennen, da mir sein eigentlicher Name nicht mehr erinnerlich ist), der aus einer bäuerlichen ..Spinnftube" gekommen war, sich aber auf der Straße noch längere Zeit allein aufgehalten hatte, von der Nachtwache in der Nähe der Brandstätte betroffen. Er wurde festgenommen und konnte nur mit Mühe vor Mißhandlungen geschützt werden, obgleich er seine Unschuld betheuerte. Des Morgens in aller Frühe wurde er nach dem 2 Stunden weit entfernten Amtssitze Schwarzenfels gebracht und alldort dem Amtsgefängnisse überwiesen. Im Laufe des Vormittags sagte Wolf zu dem Gefangnißwärter, er solle ihm statt des Mittagessens nur Brod bringen, weil er die übrige Gefängnißkost doch nicht essen werde, da sie nicht „koscher" sei. Der Gefangnißwärter machte hiervon dem Beamten Meldung. „Den Jud will ich doch einmal auf die Probe stellen," erwiderte der nicht im Rufe der Judenfreundlichkeit stehende Beamte, ein alter gewiegter Jurist, pfiffig - schmunzelnd dem Gefängnißwärter. „Kommen Sie heute Mittag um 1 Uhr in meine Wohnung und holen Sie dort das Essen für den Gefangenen!" Um 1 Uhr begab sich der Gefangnißwärter in die Wohnung des Beamten. Hier wurde ihm von dessen Tische eine Portion kräftiger Fleisch- Suppe, deßgleichen Gemüse und ein Stück wohldufte den Bratens für Wolf übergeben. „So," sagte der Beamte, „das bringen Sie dem Gefangenen und sagen ihm, daß er jeden Mittag auf diese Weise von mir besorgt werden solle. Wenn er es nicht essen zu wollen erklärt, dann lassen Sie es doch in seiner Zelle stehen. Um 5 Uhr revidiren Sie und berichten mir dann!" So geschah es. Der Wohlgeruch der kräftigen warmen Suppe, so wie

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