Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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937 der hohen jüdischen Feiertage, den Schosar in der Altneusynagoge blase." Prag, am i. Oktober 1785. „Graf Lazowsky, Oberstburgzraf." „Es ist das erste Mal, daß der Synagogenvorstand unmittelbar von der hohen Behörden den Erlaß bekömmt, sonst geschieht dies immer durch Vermittlung des löblichen Vorsteheramtes." „Aha! ich verstehemeinte der Primator „Seine Exellenz beabsichtigt mich zu umgehen, fürchtet wohl bei mir einen zu lebhaften Widerstand zu begegnen." .Sie wissen, Herr Primator, nach dem Din^) sollen die Bale Tokim^) hervorragende Männer sein. Am ersten Neujahrstag bläst bei uns Red Jeschaje Wiener, ein großer Talmudist und allgemein geachteter, würdiger Mann, am zweiten Reb Mosche Lasch, der Unter-Dajon*). Diese beiden Männer fungiren schon durch eine lange Reihe von Jahren als Schofarbläser. Es liegt für uns — wenn wir nicht das oberftburggräfliche Decret als solches gelten lassen — kein Grund vor, einem der beiden die Funktion zu entziehen. Ueberdies besitzt Magdeburger nicht die erforderlichen Qua« lificationen. Der gute David Leb ist ein unwissender Mensch." „Kann er denn überhaupt blasen?" frug der Primator. „Freilich!" lachte der Synagogenvorsteher.— Das ist ein komischer Mensch. Er hat — ganz besonders, seitdem er die Gunst des Oberstburggrafen errungen hat, — das krankhafte Gelüste etwas zu werden, irgend eine Rolle in der Gemeinde zu spielen. Am liebsten wäre ihm ein kleines Ehrenamt und er ist auch ein sehr braver, sehr wohlthätiger, gottesfürchtiger, frommer Mann, aber er ist auch gar zu einfältig, und gar zu unwissend; um zu irgend etwas gewählt oder ernannt zu werden, kann er nichts thun, so hat er denn zuerst den Entschluß gefaßt, Baal Tfillo?) zu werden; er hat auch eine recht schöne Stimme, und hat sich's viel Geld und viel Mühe kosten lassen, sich die Nigunim°) einzustudiren; aber die Jwre^) Mietet ihm, wie ich höre, unüberwindliche Schwierigkeiten, so hat er sich endlich seit drei Monaten auf's Schofarblasen geworfen, und er schmettert feind Tekios auch her, daß es nur eine Freude zuzuhören ist.Was verordnen Sie, Herr Primator, was geschehen soll? — muß die- 4) talmudisch-mofalsche Bestimmung. 5) Schofarbläser. 6) Unlerjurist, Mitglied des Unterrabbinerkollegiums. 7) Vorbeter als Ehrenamt nur für die Feiertage. 8) Melodien. 9) geläufiges und correctes Lesen der hebräischen Gebete. sem eigenthümlichen Aufträge des Oberstburggrafea gehorsamt werden?" „Magdeburger wird in der Altneuschule am Neujahrsfeste nicht Schosar blasen," entschied der Primator: „Sie halten es damit wie alljährlich." „Hm!" räusperte sich Thorsch, „es ist das eine große Verantwortlichkeit — der Oberstburggraf! mit dem läßt sich nicht spaßen . . . ." „Die Verantwortlichkeit übernehme ich. Genügt Ihnen das?" „Vollkommen Herr Primator!" ..Und jetzt mein Lieber, so gern ich auch noch mit Ihnen plaudern möchte, muß ich bitten, mir zu gestatten, in meiner Beschäftigung fortzufahren. Meine Zeit gehört nicht mir. sie gehört der Gemeinde , und ich habe vor Jom Tow noch diesen Wust" — er deutete auf den Aktenstoß; „aufzuarbeiten." (Fortsetzung folgt.) Die Jude» in Kurdistan. Aus dem Jahresbericht der Anglo-Jewish-Assocation. „Das Gebirgsland Kurdistan, das sich über 55 Tagereisen in die Länge und 10 in die Breite erstreckt, bildet einen Theil das alten Medien. Englische Reisende haben die dortige jüdische Bevölkerung auf 20.0U0 Seelen geschätzt, doch läßt sich die Genauigkeit dieser Schätzung nicht feststellen. Meine jüdischen Gewährsmänner wußten nicht des Geringste über die Zeit, wann ihre Vorfahren noch Kurdistan gekommen sind; sie behaupten nur, daß die erste Niederlassung unter Esra stattgesunden habe. Doch läßt sich das hohe Alter ihrer Einwanderung aus den Thatsachen folgern, daß ihre Sprache nur wenig von dem modernen syrischen Dialect der christlichen Neftorianer abweicht, die in Kurdistan weit verbreitet sind; daß diese Sprache mit Formen im babylonischen Talmud und in den chaldäischen Paraphrasen der Bibel verwandt ist, ebenso wie mit den Ueberresten der Pahlvisprache in Felseninschriften und auf den Münzen der Sassaniden, welche in Persien von 266—640 herrschten. Derselbe Dialect findet sich auch in einigen der heiligen Schriften der Perser. Da die Stämme der Kurden, unter welchen die Juden zerstreut leben, bis in die neueste Zeit fast beständig Krieg miteinander führten, so läßt sich annehmen, daß es ihnen nicht besonders gut ergangen, und ihre Zahl sehr vermindert worden ist. Diese Vermuthung wird durch die Überlieferung unterstützt. In Berdug befinden sich mehrere Lausend verlassene Gräber, die den Juden gehört haben sollen. Unter diesen wird das Grab