Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-09-19 · Heft 38-39 (19.9.1877) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 38-39 (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447733--14148-2470044
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

938 eines Rabbi Abraham als heilig betrachtet, daS jährlich eine große Zahl jüdischer Pilger herbeizieht. Auch die Kurden verehren es wegen einiger Wundergeschichten, die mit dem Ort in Verbindung gebracht werden. Nachdem die Sultane der Türkei den größten Theil der Kurden zur Anerkennung der ottmanischen Oberherrschaft gebracht haben, scheinen die früheren Streitigkeiten aufhören zu wollen. Da aber die Türken keinerlei Versuche gemacht haben, die Kurden zu civilisiren, so kann es leicht kommen, daß letztere wieder in ihre früheren kriegerischen Gewohnheiten zurückfallen, die durch ihre halb nomadische Lebensweise unterstützt werden. — Beim Beginn eines jeden Frühlings nämlich verlassen die kurdischen Heerdenbesitzer ihre Wohnsitze, nehmen ihre schwarzen Zelte aus Ziegenhaaren mit sich und treiben ihre Heerden von Weide zu Weide, wobei nicht ausbleiben kann, daß sie mit anderen Stämmen in Collision gerathen. In früheren Jahren besaßen die Juden gleichfalls solche Zelte, mit denen ihre Weidegründe bedeckt waren; aber jene Tage des Ueberflusses und der Unabhängigkeit scheinen vorüber zu sein. Viele jüdische Einwohner treiben Handel mit den Erzeugnissen deS Landes, als Wolle, Honig, Wachs, Galläpfel, Rosinen, Weizen, Dürra re., welche nach Rußland ausgesührt werden. Die Mehrzahl ernährt sich durch Kleinhandel. Solche, die in verhältnißmäßig guten Verhältnissen leben, haben in den Bazars der verschiedene Städte Läden, welche sie von Sonntag bis Freitag geöffnet halten. Die ärmeren Klassen von Juden wandern als Hausirer von Ort zu Ort, häufig treiben Juden gemeinschaftlich mit Kurden Schafzucht und Ackerbau. . In diesen Fällen liefert der Jude gewöhnlich die Geldmittel, während der Kurde die. Arbeit besorgt, den Ertrag theilen beide Parteien. Zwischen den Juden und den muhamedanischen Kurden scheint ein viel freundschaftlicheres Verhältniß zu bestehen, als zwischen Juden und Christen (Armeniern und Nestorianern). Die Christen in Kurdistan halten noch immer an der schrecklichen Blutanklage fest. Sie bedenken nicht, daß in früheren Perioden des Christenthums ihre eigenen Vorfahren von deu Heiden beschuldigt wurden, Menschenblut bei ihren Religionsübungen zu benutzen, und daß die Heiden bei ihren Bekehrungen zum Christenthum diese Anklage in veränderter Form gegen ihre hiflosen jüdischen Nachbarn erhoben. In Folge dieser sich stets vererbenden Verläumdungen hegen sowohl die Armenier als die Nestorianer in Kurdistan, gleich den griechischen Christen in der Türkei, einen eingewurzelten Haß gegen die Juden, der nur mit ihrer Unbildung zugleich schwinden wird. DaS Familienleben der kurdischen Juden ist sehr primitiven Charakters. Die jungen Männer heirathen im Alter von 17 Jahren oder früher, die Mädchen im Alter von 13 oder 14 Jahren. Der Vater des Bräutigams versorgt die Braut mit der Ausstattung, und sie bringt, wenn sie wohlhabend ist, ihrem künftigen Ehemann eine Mitgift von ungefähr 100 Tomans (1 Toman—10 Karanö-9 Rm.) Die Hochzeitsfeier währt sieben Tage und bietet ihnen Gelegenheit zur verschwenderischen Entfaltung ihrer Gastfreundschaft. Monogamie ist die Regel, doch kommen häufige Ausnahmen vor, wenn die Ehe kinderlos bleibt, oder die Leviratsgesetze in Anwendung kommen. Die jüdischen Frauen sind sehr thatig im Haushalt und haben alle jene häuslichen Tugenden bewahrt, durch welche die jüdische Nation stets ausgezeichnet war. Das Leben ist sehr billig. Da die meisten Gegenstände des täglichen Gebrauchs von den Einwohnern selbst gewonnen werden, so genügt wenig mehr als V-Toman die Woche für den Unterhalt einer Familie. Auch der ärmste Mann besitzt ein oder mehrere Lastthiere (Esel); Maulesel sind theuer und befinden sich nur im Besitz der reicheren Klassen. Da die Einwohner von kräftigem Körperbau sind und nichts von den Krankheiten wissen, die dem civilisirten Leben eigenthümlich sind, so gibt es auch wenig Aerzte im Lande. In Krankheitsfällen nehmen sie ihre Zuflucht zu Hausmitteln, aber auch zu Quacksalbereien und sogar zu Zaubermitteln. Das Impfen ist natürlich nicht eingeführt , und deshalb richten die Pocken oft Verwüstungen an; auch das Scharlachfieber kommt vor. Die Bestattung der Leichen findet 3 oder 4 Stunden nach dem Tode statt und wird von einer besonder» Gesellschaft (Chebra Kadischa) besorgt. Während der Trauerwoche werden die Trauernden von ihren Glaubensgenossen besucht, welche Speisen mitbringen und sie mit jenen theilen. Die in den Dörfern zerstreut wohnenden Juden verbinden sich zu einer Gemeinde und stellen zusammen einen Dajan und einen Schochet an, der auch als Mohel fungirt. Der Vorsteher der Gemeinde bestimmt in Gemeinschaft mit einigen der hervorragendsten Mitglieder die Steuern, welche die jüdische Gemeinde der Negierung z« zahlen hat. Streitigkeiten der Juden unter einander schlichtet der Melun (Rabbi) mit seinem Beth Din. Bei Streitigkeiten mit Muhamedanern oder Christen wenden sie sich an das mohamedanische Gericht, wo oft Bestechung das Urtheil beeinflußt. In Baschkala ist der oberste Beamte ein Türke,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.