Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447733--14146-2470042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
936 bete. Alle Cantoren, alle Vorbeter übten sich nun ein. Da jeder derselben bei seinem Vortrage von einigen Choristen unterstützt wurde, ihnen aber die wohlthätige Kenntniß der musikalischen Schrift, der Noten unbekannt war, sie nur Natursänger waren, und die Melodieen nach dem Gehöre gesungen wurden; waren häufige Vorübungen zur Erreichung eines gelungenen Ensembles vollkommen unerläßlich. Die Prager Judenstadt hatte sich in dieser Woche förmlich in ein musikalisches Lager verwandelt. Auch sonst machte sich eine erhöhte Regsamkeit bemerkbar. Die Hausväter kauften Gebetmäntel und Gebetbücher, die Frauen Material zur Ergänzung ihrer Toiletten. Die Dienstboten waren vollauf beschäftigt. Es wurden Fenster und Thüren gewaschen, die Häuser außen und innen getüncht, die zerbrochenen Fenster. die des Sommers über der frischen Luft gastfreundlich Eingang gestatteten, der heilenden Hand des Glasers überantwortet. Der erhöhte Reinlichkeitstrieb erforderte auch, eine das Normalquantum wett übersteigende Wassermenge und Wasserträger- und Trägerinnen und Dienstboten durchzogen plaudernd die Straßen. Und die Synagogendiener, die erst.' die liefen wie verrückt herum. Der eine suchte einen Tüncher — einen in dieser Zeit sehr begehrten Artikel — um die Vorhalle zu tünchen, der zweite schleppte athemlos keuchend eine schwere Messinglampe nach Hause, die sollte blank wie Gold geputzt werden, ein dritter trug einen Tabernakel-Vorhang, der von hohem Werthe, aber etwas defect geworden und zu den hohen Feiertagen vom Goldsticker ausgebessert werden mußte; ein vierter trug eine Thorarolle zum Schreibkünstler, um einige neuentdeckte Fehler verbessern zu lassen. — Alle Handwerker waren im hohen Grade beschäftigt, namentlich aber Schneider und Schuster. Daß die Mehlhändler, Gewürzkrämer u. d. gl. Geschäftsleute stark beschäftigt waren, daß die Geflügelhändler ganze Heerden von Gänsen eintrieben, lag in der Natur der Sache, aber in den Tagen, die dem Feste unmittelbar vorangingen, erstreckte sich die erhöhte Thätigkeit auch auf das Engrosgeschäft. Da in diesem Jahre das Fest auf Donnerstag und Freitag fiel, worauf unmittelbar Samstag und Sonntag folgen, und die Läden demgemäß vier Tage nacheinander geschlossen bleiben mußten, waren die'Großkaufleute bestrebt, alle eingelaufenen Aufträge rechtzeitig zu effectuiren. Mit einem Worte, die'Judenstadt bot am Schluß der Slichoswoche, das Bild einer hastenden sich überstürzenden Geschäftigkeit. Diese war auch auf dem Juden-Vorsteheramte nothwendig. Dafselbe war, wie ich schon erwähnt habe, zu jener Zeit auch eine politische Behörde, und da die Lokalitäten desselben durch drei Tage geschlossen blieben, mußten alle CorreSpondenzen mit den Behörden, alle Einläufe rasch erledigt werden. Außer der Ueberbürdung mit Geschäften, behördlicher Natur, war das Vorsteheramt auch von cultueller und speciell humaner Thatigkeit stark in Athem gehalten. Es mußte eine große Zahl, einheimischer sowohl als zugereister, fremder, armer Leute mit Kost versehen werden, und wurde dieser große Haufe noch durch die große Menge jüdischer Soldaten vermehrt, die auf die gleiche Wvhlthat Anspruch erhoben. Kaiser Josef hatte bekanntlich die jüdische Bevölkerung zum Militärdienst herangezogen; aber den Soldaten jüdischen Glaubens gestattet, die hohen Feiertage im Schooße großer' jüdischen Gemeinden zuzubringen; und hatten diese — die Gemeinden nämlich — gerne die Pflicht übernommen, den zahlreichen Soldaten, größtentheils Ungarn und Polen, die sich in ihren ganz neuen Verhältnissen, fern vom Heimathlande, ihrer religösen und heimischen Gewohnheit plötzlich entfremdet, vereinsamt, ganz unglücklich fühlten, durch freundliche Ausnahme und gastliche Bewirthunq. die hohen Feiertage angenehm zu machen. Im Rathhause der Prager Judengemeinde war also am Dienstage, zwei Tage vor dem jüdischen Neujahrsfeste, alles fleißig beschäftigt Der Primator Frankl saß in seinem Zimmer, vor ihm lag ein mächtiger Aktenstoß, als David Zchnthomer, der Gassenmeschores, nach leichtem Anklopsen die Thüre öffnend, meldete. „Reb Schmul Thorsch, der Vorsteher der Altneusynagoee ist da, er möchte den Herrn Primator gerne sprechen." ..Ich laß' ihn fragen," antwortete dieser, „ob es sehr dringend ist, wenn nicht, ließ' ich ihn bitten, bis nach den Feiertagen zu warten, ich bin sehr beschäftigt." Zehnthomer verschwand, um in wenigen Minuten mit dem Berichte zurückzukehren, es sei eben sehr wichtig und unaufschiebbar, und Reb Schmul Torsch lasse den Herrn Primat»r bitten, er möge ihm nur fünf Minuten schenken, er wolle sich so kurz als möglich fassen. Seufzend legte Frankl die Feder aus der Hand. „Ich laß ihn also bitten einzutreten." Thorsch war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, klein, schmächtig, mit einem fein gerötheten, hübschen Gesichte. Er war Gewürzhändler, dabei ein tüchtiger Talmudist, ein wohlthätiger Mann. „Ich werde mich kurz fassen," sprach er. „Ich bekomme soeben unmittelbar vom Oberstburggrafamte folgenden Befehl: „Ich verordne, daß der Prager Jud, David Löb Magdeburger, an einem