Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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XYI1I. Jahrgang. Dritte Beilage;» Ur. 38 L 39 -es Israelit. Aeitungsnachricdten und Correspondenzen. Dentschland. Frankfurt a. M., 18. Sept. Gestern wurde eine isr. Zeugin, welche wegen des Versöhnungstages nicht vor der Strafkammer erschien, wegen ihres Ausbleibens in eine Geldbuße von 10 Mk. genommen. In dem Urtheil wurde bemerkt, daß deßhalb eine so geringe Strafe gegriffen worden, weil das Ausbleiben nicht aus Böswilligkeit, sondern aus „religiösen Skrupeln" erfolgt sei. Oesterr. - Ungarische Monarchie. In Wien wohnen beinahe 100,000 Israeliten. Die bestehenden Synagogen und Bethäuser genügen nicht, um am Neujahrs- und Versöhnungs-- feste die Zahl der Andächtigen aufzunehmen, und werden deßhalb alljährlich Hunderte von Privatbethäusern für diese drei Tage errichtet. Viele Lokalitäten werden aber zu diesem Zwecke benutzt, die durchaus für ein Bethaus unpassend sind, weßhalb der Cultusvorstand, wie wir bereits schon früher mittheilten, bei der Polizei erwirkte, daß diese nur mit Einwilligung des isr. Cultusvorstandes die Einrichtung eines Bethauses gestatte. Der isr. Cultusvorstand aber handelte partheiisch. Nur die Bethaus-Unternehmer, welche so glücklich sind, in Böhmen oder Mähren geboren zu sein, wurden vom Cultusvorstand berücksichtigt, ungarische und polnische Glaubensgenossen aber zurückgewiesen. Aus diesem Grunde hat die Polizeidirection mit Recht das Gutachten des Cultusvorstandes nicht berücksichtigt und allen Unternehmern die Bewilligung ertheilt. (W. Isr.) In Btttschowitz (Mähren) starb am 22. dn der Cantor und ünw A. Beidel. 23 Jahre hat er sein Amt mit seltener Treue und Opferwilligkeit versehen und während dieser Zeit die Liebe der Gemeindeglieder sich erworben. Er war ein großer ]iüb und ein wahrhaft frommer Mann. Herr Rabbiner Dr. A. Löwi gab in seiner Leichenrede der Trauer der Gemeinde um den Verstorbenen gehörigen Ausdruck. Feuilleton. David Leb Magdeburger. Prager Ghettobild aus dem letzten Viertel des vor. Jahrhunderts. *) Von S. Kohn, Verfasser des „Gabriel". TL. Die hohen jüdischen Feiertage waren herangerückt. Das Neujahrfest, dem zehn Tage später der Bersöhuungstag folgt, war nahe bevorstehend. Schon mit dem Beginne des Monates Elul, der das jüdische Jahr beschließt, hatte sich zu jener Zeit der gesammten jüdischen Bevölkerung eine feierliche gehobene Stimmung bemächtigt, die sich in der Slichoswoche^) noch im höchsten Grade steigerte. Die herannahenden Feiertage warfen ihre Lichtstrahlen schon voraus. In der SlichoS- Woche beschäftigte sich mehr oder-weniger Jederman mit den Vorbereitungen zu denselben. Die Prager Judenstadt zeigte während dieser Woche ein eigenthümliches Gepräge. Wenn man dieselbe durchschritt, sah man nicht nur vor den Läden der Buchhändler, Schofars* 1 2 3) und Gebetbücher auf Tischen aufgestapelt; sondern auch eine Menge kleiner Handelsleute boten diese für die hohen Feiertage so nothwendigen Gegenstände auf offener Straße auf kleinen Ständen ' feil. Während des ganzen Monates kamen Landjuden nach Prag und kauften Schofars. Mau hörte von allen Seiten Schofarklang. Hier versuchte in einem Laden ein Landschullehrer die Güte eines Schofars; dort zeigte ein Talmudjünger auf offener Straße, seine musikalische Begabung in einem prachtvollen Tremolo, von jenem Fenster, wo ein Baal Tekeob) sich darüber beruÜgen wollte, daß sein schönes Talent nicht im Laufe des Jahres eingerostet, eine unvergleichliche Fanfare; dort aus jener ebenerdigen Wohnung erklangen Töne, die den Vorübergehenden ein mißbilligendes Kopfschütteln entlockten , es war dies ein Neuling in der schweren Kunst des Blasens. Dazwischen hörte man die wehmüthig traurigen Melodien der Feiertagsge- *) Jeder Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden, Uebersetzungsrecht Vorbehalten. 1) Woche vor dem Neujahrsfeste, wo täglich vor Tagesanbruch besondere Gebete verrichtet werden. 2) Widderhörner mit denen am Neujahrsfeste geblasen wird. 3) Schosarbläser.