Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-09-19 · Heft 38-39 (19.9.1877) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 38-39 (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447733--14136-2470032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

926 bin, wie Du zu glauben scheinst, so will ich Dir nur sagen, daß ich recht gut weiß, daß Du mit Deinem Doktor Pfaff Niemanden anders persifliren wolltest als unsern hiesigen Rabbiner." „Den Doktor G-... meinst Du? da bist Du abermals im Jrrthum. Doktor G.... vertritt eine ganz andere und in unsern Tagen weit verderblichere Richtung als alle Diejenigen, die ich mit dem Doktor Pfaff persifliren könnte. Doktor G... ist ein Heuchler vom Scheitel bis zur Sohle; würde er seine Ansicht offen und ehrlich bekennen, nimmer würde es ihm gelungen sein, Dich zu seinen Verehrern zu zählen." „Was berechtigt Dich, ihn der Heuchelei anzuklagen? mit demselben, ja mit noch weit größerm Rechte könnte ich Dich der Verleumdung zeihen." „Da wärst Du der Erste und der Einzige, der dieß thäte. Aber Doktor G... trägt seine Heuchelei so sehr zur Schau, daß er nur die Unerfahrensten» die Harmlosesten zu täuschen vermag. Jeder aber, der Augen hat und sehen will, kann sehen." „Und was denn eigentlich? Du würdest mich sehr verbinden, wenn Du mir endlich einmal gerade heraus sagen würdest, was Du denn eigentlich gegen den Doktor G.... hast." „Den Gefallen will ich Dir erweisen. Als Doktor G...- hierher kam, brachte es so wohl seine Stellung als auch sein Vortheil mit sich, daß er sich in gewisser Beziehung streng konservativ zeigte. Dadurch fürchtete er jedoch seinen Einfluß bei den Aufgeklärten seiner Gemeinde zu gefährden und um nun, wie er selbst sich äußerte', mehr wirken zu können, hält er sich quasi verpflichtet, Wein von Nichtjuden zu trinken, Rasiren mit dem Scheermesser für erlaubt zu erklären, Geldausgeben am Sabbat zu übersehen u. dgl. m." „Daraus spricht noch' immer keine Heuchelei; ich kann das Eine für verboten, das Andere für erlaubt halten." „Das kann ich nicht," erwiederte Carl entschieden, „entweder sind alle Gebote unserer heiligen Lehre verbindlich oder keines ist es. Aber natürlich. wozu brauchten wir einen Rabbiner, wenn sämmtliche Gebote nicht verbindlich wären? Darum sucht man sich einige heraus, die man als die Quintessenz unserer Religion erklärt und mit den übrigen macht man Concessionen, schafft sich gute Freunde, lockt junge harmlose Leute in's Garn u. s. w. u. s. w." Sie hatten indessen die väterliche Wohnung erreicht und traten ein. „Und so weiter, und so weiter" wiederholte Eduard heftig, „Du wirst schon sehen, wohin dieses weiter führt, ich meine Deine weitere Verleumdungen gegen den Doktor G...." „Lass' uns jetzt dieses Thema abbrechen," bat Carl, „es könnte den Vater unangenehm berühren." „Das weiß ich" murmelte Eduard, indem er mit dem Bruder zugleich in das erleuchtete Familienzimmer trat. Ein junges Mädchen begrüßte sie auf's Herzlichste. Carl drückte einen Kuß auf die klare, weiße Stirn der ungefähr zehn Jahre jüngeren Schwester, während Eduard ihr nicht einmal die Hand bot. Sie schien jedoch an das unfreundliche Benehmen des jüngern Bruders gewöhnt und schenkte ihm keine weitere Beachtung, während ihr Blick mit dem Ausdruck innigster Liebe an dem älteren Bruder hing. „Du bist ganz allein, Röschen? wo ist denn der Vater?" ..Der Vater fühlte sich etwas ermüdet und hat sich beute etwM zeitiger zur Ruhe begeben, während Ihr etwas später als gewöhnlich heimgekommen seid." „Später al& gewöhnlich? — ja in der That, Du hast recht. Es ist unverzeihlich, daß wir unser Röschen so lange allein gelassen haben." „O, Rosa wird es ganz verzeihlich finden, wenn sie erfährt, wie köstlich wrr uns amüsirt haben," rief Eduard spöttisch. „Das ist wahr," erwiederte das junge Mädchen treuherzig, „wenn ich weiß, daß Ihr Euch amüsirt, bin ich ganz gern allein. Aber wo seid Ihr denn gewesen? und was hat es gegeben?" „In einer Gesellschaft guter Aennde, und Carl hat durch einen geistreichen Vorträg Alle begeistert," fuhr Eduard spottend fort. „Das kann ich mir denken," entgegnete Rosa, indem sie die Hand ihres Lieblingsbruders in die ihre nahm. „Einfältiges Ding," brummte der Jüngere, doch die Geschwister kümmerten sich um ihm nicht weiter. „Mit wem wäret Ihr denn zusammen?" fragte Rosa. „Mit einer ganzen Anzahl heiterer Kameraden. Jakob Rofenbaum war auch dabei," fügte er leise hinzu. Dunkle Gluth überzog die Wangen des jungen Mädchens, sie wandte sich ab und macht sich an ihrer Arbeit zu schaffen. Carl wußte sie jedoch bald wieder in's Gespräch zu ziehen und nachdem sie noch ein halbes Stündchen verplaudert, begaben sie sich zur Ruhe. (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redaction: I)r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.