Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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921 % das wäre bei einem schwarzgallichten Talmudfeind erklärlich. Was aber einen Rabbiner, den ein christliches Nichtertribunal um ein Gutachten über den Talmud ersucht, veranlassen kann, die beredtesten Zeugen für die Weisheit und Rechtlichkeit des Talmud gewaltsamer, wahrheitswidriger Weise in hyperbolischer Sprachweise auftreten zu lassen, ist unbegreiflich. Spaßhaft aber geradezu wäre der Ernst der sittlichen Gesinnung, der aus solchen Hyperbeln fließen soll. Zudem aber handelt cs sich gar nicht um den Ernst einer sittlichen Gesinnung. Wenn das König!. Kreisgericht zu H. nur eine lateinische Uebersetzung der Hilchoth Melachim des Rambam nachschlägt, so wird es Cap. VI, § 10 diesen Ausspruch codificirt und eine im Zorne verübte muthwillige Beschädigung mit körperlicher Züchtigung belegt finden*). Gewiß ein hoher Grad von sittlichem Ernst! Die bisherigen Proben mögen genügen, um den wissenschaftlichen Werth dieser Gutachten zu veranschaulichen, und die Würdigung erklären, welche das König!. Kreisgericht zu. H. ihnen widerfahren ließ. Um alle Jrrthümer, Entstellungen und falsche Prämissen in's richtige Licht zu setzen, von welchen die 32 Octavseiten dieser Gutachten wimmeln, müßte man eine eigene Broschüre schreiben, doppelt so groß als die zuwiderlegende. Wir können uns auf das Gesagte jedoch um so mehr beschränken, als bereits auch andererseits diese Gutachten die verdienten in so leichtfertiger Weise provocirten Angriffe erfahren haben. Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer, dessen scharfer Blick sofort die bedenklichen Consequenzen erkannte, die sich an ein den preußischen Gerichten unterbreitetes Gutachten knüpfen, welches die Sittenlehre des Talmud für vogelfrei erklärt, hat noch vor der Veröffentlichung dieser Gutachten in einem an Hrn. vr. Joöl gerichteten „Offenen Brief" gegen dieses von einem Rabbiner unerhörte Attentat Protest erhoben. Zur Klarstellung der Sache kann aber nicht entschieden genug betont werden, daß es sich hier nicht etwa um einen Meinungsstreit zwischen Orthodoxie und Reform, sondern um die Leugnung resp. Jgnorirung wissenschaftlicher, klar und unzweideutig aus den Quellen sich ergebender Wahrheiten handelt. Wir werden den Lesern dieser gesch. Blätter demnächst noch einen Talmud verteidigenden Rabbiner vorführen, der, obwohl als Vollblut-Reformer in des Wortes verwegenster Bedeutung männiglich bekannt, in diesem Punkte wenigstens auf 4) Man vergl. zur Stelle sowie mm Seiten der wissenschaftlichen Wahrheit, also ebenfalls nicht auf Seite der Rabbiners der Breslauer Synagogengemeinde steht. Die Israelin« in der Türkei, Serbien und Rumänien. Der traurige Krieg, der nun schon Monate lang zwischen Rußland und der Türkei wüthet, läßt es zeitgemäß erscheinen, sich über die Verhältnisse unserer türkischen Glaubensgenossen etwas eingehender zu informiren, als dies gemeinhin der Fall ist. Längst sind ja die Zeiten vorüber, in denen man gleichgiltig zusah, „wenn im fernen Osten sich die Türken schlagen"; ja, bei uns Juden hat das Bewußtsein unserer Zusammengehörigkeit mit unseren allenthalben zerstreuten Brüdern eine solche Gleichgiltigkeit nie Platz greifen lassen. — Nichtsdestoweniger herrscht durchschnittlich eine Unkenntniß über die sociale Stellung unserer Glaubensgenossen in der Türkei, die bei der Aufmerksamkeit, mit welcher wir sonst den dortigen Vorgängen folgen, doppelt auffällig ist. Mit Freuden begrüßen wir daher ein soeben erschienenes Buch des rühmlichst bekannten Herrn Isidor L öb in Paris über „die Lage der Israeliten in der Türkei, Serbien und Rumänien", das wir allen Denen auf's Angelegentlichste empfehlen, die ein Interesse für unsere Brüder und Schwestern in diesen Ländern besitzen *). Aus der reichen Fülle des mit seltenem Fleiße gesammelten Materials lassen wir hier einige Notizen folgen, welche jedoch auf Vollständigkeit schon deßhalb keinen Anspruch machen können, weil es unmöglich ist. auch nur die annähernde Inhaltsangabe eines fast 500 Seiten zählenden Buches hier wiederzugeben. Die Bevölkerung der europäischen Türkei beträgt, nach einer jüngst erschienenen Veröffentlichung, 10,360/ >26 Einwohner, von welchen 5,739,082 Nicht-Muselmänner sind. Die Bewohner der Insel Candia und des Archipels sind jedoch hier nicht mit einbegriffen. Die israel. Bevölkerung der europäischen Provinzen ist ungefähr auf 70,000 Seelen geschätzt; nach Angabe Anderer betrag! sie jeduch beinahe 100,OoO Köpfe. In Bosnien befinden sich, nach Angabe Einiger, circa 100, der Behauptung Anderer zufolge 1000 Israeli Ter vollständige Titel lautet: 0a Situation (los Israelitcs cn Tunpiie, cn Serbie et en Romaine pur Isidore Löb. —. Paris. Joseph Baer et Co., Libraires-tditeurs. iö77.