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Der Israelit · 1877-09-19 · Heft 38-39 (19.9.1877) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 38-39 (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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918 tung steht er allerdings. Warten Sie, sie sollen sich gleich selbst überzeugen, wie trefflich unsere Jugend geschult ist." Bei diesen Worten hielt er eines der an uns vorüberrennenden Kinder an, einen hübschen Knaben, von ungefähr zwölf Jahren. „He da, Kleiner, welche Note hast du in Religion?" „Erste," erwiederte der Knabe sich stolz in die Brust werfend. „Nun, dann kannst du wohl dem Herrn da den ersten Glaubensartikel sagen." Der Knabe nahm eine militärisch stramme Haltung an und sprach laut und mit Pathos: „Ich 'glaube und habe die feste Ueberzeugung, daß es nur Eine Welt gibt und daß Reverend Doctor Pfaff sie regieret." „Brav, mein Junge," lobte der Fragende, „und du, Paul," wandte er sich an einen andern, „kannst du uns wohl das vierte Gebot nennen?" „O ja," lachte der Angeredete. „Das vierte Gebot lautet: Du sollst am Sabbat arbeiten, und wenn du keine Arbeit hast, so sollst du wenigstens rauchen oder ein Blümchen pflücken." „Und ich will Ihnen sagen, wie das fünfte Gebot lautet" rief ein lebhaftes kleines Mädchen, und sich in Positur setzend, sprach es: „Das fünfte Gebot lautet: Du sollst Vater und Mutter ehren, wenn sie nämlich zu den Anhängern des Doctor Pfaff sich bekennen, wenn sie aber zu den Orthodoxen zählen, so ist die Zeit über sie hinweggeschritten und sie verdienen nicht geehrt zu werden." „Da sehen Sie, welcher Geist unsere Jugend beseelt. — Doch es läutet, Fräulein X. wird gleich beginnen, wir müssen eilen." Und auf allen Wegen und Stegen, aus allen Grotten und Lauben eilten jetzt die Andächtigen in Schaaren dem Tempel zu. Wir kamen noch eben zur rechten Zeit. Der große Raum war gedrängt voll und alle lauschten voll Andacht. Ader es war auch ein Gesang, wie ich ihn schöner nie vernommen. Als Fräulein X. geendet, erfolgte ein donnernder Applaus. Darauf begann der f. g. Umzug. Der Chasan voran, sein Gebetbuch in der Rechten, ein Fähnchen, wie es an vielen Orten die Kinder an Simchas-Thora tragen, in der Linken, und eine ganze Anzahl Herren'und Damen in bunter Reihe gingen hinter ihm drein ein Jeder mit Gebetbuch und Fähnchen. * Und mit lauter, weit hinschallender Stimme sang-der Chasan. Als der Umzug beendet, trat eine tiefe, erwartungsvolle Stille ein. „Gleich besteigt Herr Doctor Pfaff die Kanzel," flüsterte mein Nachbar, „geben Sie wohl Acht." Und in Wirklichkeit schritt jetzt ein schöner hochgewachsener Mann in langem wallendem Sammttalar die Marmorstufen hinan, die zur Kanzel führten. Hr breitete die Arme segnend über die Versammlung und seine Lippen schienen ein Gebet zu flüstern, dann sprach er laut und jedes Wort mit prächtigem Pathos betonend; — doch was er sprach ward mir nicht klar. Nun begannen mit einemal wieder alle Gebetmaschinen'zu summen und zu tönen, immer lauter und lauter — so laut, daß mir die Sinne vergingen — und nun vernahm ich mit einem Mal wieder das Raffeln der Räder und Ketten. — Ein schriller Pfiff drang an mein Ohr und dann empfand ich einen Stoß und darauf fühlte ich mich am Arm gerüttelt. „Herr Grün! Herr Grün! wachen Sie doch auf! wir sind an Ort und Stelle, wollen Sie denn nicht aussteigen?" Mühsam riß ich die Augen auf und schaute in das lachende Gesicht meines freundlichen Reisegefährten, aber ich war im Moment noch nicht im Stande, mich zu orientiren, und meine verblüffte Miene erregte auf's Neue die Heiterkeit meines Gefährten. „Na, Sie können aber schlafen — das mache ich Ihnen nicht nach; ich glaube, wenn der Blitz in unser Coups eingeschlagen hätte, Sie wären nicht davon erwacht." „Aber hat er denn nicht eivgeschlagen?" ftagte ich, mir die Augen reibend. Diese Frage rief jedoch eine so allgemeine Heiterkeit hervor, daß ich endlich zur Besinnung kam. „Ja so — ich habe wohl geschlafen — und das Alles war — ein Traum. (Siehe Forsetzung in der ersten Beilage.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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