Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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917 Feuilleton. Licht und Schalte». Erzählung von Friedrich Rott. II. „Nun sagen Sie mir aufrichtig", fuhr mein neuer Freund' fort, „können Sie sich etwas Erhabeneres denken als unfern Tempel, etwas Erhebenderes als die Ruhe und die Andacht, die in demselben herrscht und einen angenehmer« Aufenthaltsort als diesen heiligen Hain?" „Hm," entgegnete ich, verlegen ausweichend, „an heißen Tagen, wie dem heutigen, gewähren diese prächtigen Bäume allerdings den angenehmsten Schatten. Was jedoch die Ruhe und Andacht in Ihrem Tempel betrifft, so muß ich offen gestehen, daß mir im Augenblick noch das eigentliche Verständniß für diese Art Gottesdienst mangelt." „Wirklich? ei, das nimmt mich Wunder. Doch im Grunde kann ich mir's auch erklären; denn wenn Sie auch, wie Sie vorhin bemerkten, unfern berühmten Seelenhirten per Renommee kennen, so haben Sie doch sicher noch nicht das Glück seiner persönlichen Bekanntschaft und auch die von Seiner Hochwürden creirten Institutionen rc. sind Ihnen wohl noch fremd?" Ich mußte gestehen, daß dem so war. „Da freut es mich ganz außerordentlich, Ihnen heute noch das Glück der persönlichen Bekanntschaft des Herrn Doctor Pfaff verschaffen zu können. Um elf wird nämlich Fräulein T., Primadonna an der hiesigen Oper das studut muter im Tempel singen. Darauf folgt der feierliche Umzug, dann besteigt Herr Doctor Pfaff die Kanzel und spricht einige ergreifende Worte. Jetzt haben wir fünf Minuten über halb elf, es bleibt mir daher noch Muße, Ihnen einige Erläuterungen zu ertheilen, wenn Ihnen dieselben nämlich wünschenswerth erscheinen sollten." Diese Worte waren mit so liebenswürdiger Verbindlichkeit gesprochen, daß ich nicht umhin tonnte, die erwähnten Erläuterungen als eine wirkliche Gunst mir zu erbitten, und mein freundlicher Erklärer fuhr fort: „Sie haben gewiß, Herr Grün, schon zahlreiche Gotteshäuser besucht, und wenn ich es auch nicht für wahrscheinlich halte, so halte ich es doch nicht geradezu für unmöglich, daß Sie auch schon prächtigere gesehen, aber die feste Ueberzeugung habe ich, daß Sie noch keines getroffen, in dem die Einrichtungen zweckmäßiger." „Da unterbricht kein profanes Wort die heilige Andacht, unaufhörlich dauert das Gebet, und was das schönste ist, es ermüdet keinen. — Die Macht des Gebetes, selbst eines kürzer«, welcher Gläubige hätte sie noch nie empfunden? — Und nun denken Sie sich, Herr Grün, die Macht eines solchen Stundenlangen, unaufhörlichen Gebetes, wie gehoben muß ein Jeder sich fühlen, dessen Maschine so unaufhörlich für ihn betet, während er selbst in Lust und Wonne im Haine hier lustwandelt. — Und wenn dieses schon an einem gewöhnlichen Sabbat nicht hoch genug anzuschlagen ist, um wie viel höher gilt es noch an Feiertagen, namentlich an Rosch Haschana und Jom Kippur. Wie schwül, wie unerträglich ist an solchen Tagen die Atmosphäre, wie sanitätswidrig der Aufenthalt in gewöhnlichen Synagogen und welcher Lärm, welche Unruhe! — Bei uns dagegen stets die Ruhe, die gleiche Andacht, die gleiche reine, balsamische, würzige Lust. Und wem verdanken wir dieses Alles? Unserm hochwürdigen Seelsorger Herrn Doctor Pfaff. „Und nicht nur für uns, für feine eigene, so zu sagen Mustergemeinde hat er gesorgt. — Er ist der intelectuelle Urheber eines jeden reformirten israelitischen Gottesdienstes; er war es, der in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts die Rabbinerversammlungen in's Leben rief, er schuf den Gemeindetag. Er war der Vorkämpfer der reformistischen Judcnheit und auch bei ihren Epigonen stand er zu Gevatter. Wo immer zwei beisammen sind, Reformen des Judenthums zu berathen, da ist unser hochgeehrter Doctor Pfaff in ihrem Bunde der Dritte." Ich staunte den jungen Mann an; er sprach mit einer Begeisterung, einer Ueberzeugung — sein Auge leuchtete, seine Brust hob sich rascher. Er gewahrte mein Erstaunen und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich sehe es Ihnen an, Herr Grün, Siebrennen vor Begierde, die Bekanntschaft unseres hochwürdigen Seelenhirten zu machen. Nun gedulden Sie sich nur noch wenige Minuten, es ist gleich elf. — Ich hatte die Absicht, Sie noch mit der Art und Weise, wie wir unsere hohen Feiertage begehen, bekannt zu machen; doch dazu ist es bereits zu spät, denn da kommt schon unsere Jugend vom Religionsunterricht und dann beginnt sehr bald die Feierlichkeit im Tempel." In der That rannte eben eine Schaar jubelnder Knaben und Mädchen an unS vorüber. „Den Religionsunterricht ertheilt wohl Herr Doctor Pfaff persönlich?" fragte ich. „Persönlich nicht," erwiederte mein liebenswürdiger Freund, „aber unter seiner speciellen Lei-