Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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916 Türkei. Kanstarrtirropel, 7. September. Der „Köln. Ztg." wird geschrieben: Die Pforte hat die Vorstellungen, welche der Prinz Reuß und die übrigen Botschafter ob der angeblichen Grauelthaten erhoben haben, ziemlich kühl und leichtherzig hingenommen. Fast die einzige, aber allerdings schwerwiegende Antwort, welche sie ertheilte, war die Uebersendung einer Reihe von Photographien, welche verstümmelte und verwundete türkische Frauen und Kinder darstellen. Edhem Pascha soll außerdem einem neugierigen Fragesteller, der sich nach dem Verbleib der russischen Gefangenen und Verwundeten erkundigte, erwidert haben: die Russen seien zu tapfer; so hörten nicht eher auf, gegen die Türken zu fechten, als bis sie todt seien. Als eigentliche Antwort auf die Vorstellungen der Mächte können die zahlreichen Rundschreiben gelten, welche der Minister des Auswärtigen seit Ausbruch des Kampfes über russische Gräuel i ach außen versandt hat. Die „Turquie" veröffentlich folgenden Bericht eines gewissen Victor Mirai ausKasanlyk: Wenn ich recht berichtet bin, so hätte das Foreign Office den Botschafter Großbritanniens ausgesordert, eine genaue Untersuchung über die an der muselmännischen und türkischen Bevölkerung in der Bulgarei verübten Schüchternen anzustellen. Es scheint, als wolle Europa nicht an dieHeldenthaten der russischen Soldaten glauben. Deutschland besonders, das am besten von allen Mächten unterrichtet ist, weint über das Loos der Kosaken und verlangt, daß die türkischen Soldaten gegen sie edelmüthig seien, statt daß es der civilisirten Welt die russischen Grausamkeiten und Verbrechen vorführt, die mit einer der Soldaten Attila's würdigen Grausamkeit verübt wurden. Da ich selbst volle Gelegenheit habe, auf eine genaue und sichere Weise die Barbareien darzulegen, welche die russische Armee im Bunde mit bulgarischen Räubern an den unglücklichen Juden von Sagra und Kasanlyk ausgeübt haben, so beeile ich mich, dem Publikum einige Einzelnheiten darüber mitzutheilen. Die Herren Diplomaten werden darin hinreichenden Stoff zu einer Collectivnote finden. Es war am 22. Juli, als die russischen Truppen, diese Vorläufer der Civilisation, in Eskisagra einrückten. Sie blieben nur neun Tage, doch gestatteten sich die Soldaten des Zaren in dieser kurzen Zeit, sämmtliche jüdische Häuser zu besuchen. Nachdem sie Alles ausgeblündert hatten, bemächtigten sie sich der Frauen und Kinder, um sie — wie sie sagten — so lange als Geiseln zu behalten, bis ihre Eltern die vergrabenen Reichthümer herausgegeben haben würden. Da die Armen ihre Henker nicht zu befriedigen vermochten, stürzten diese sich auf ihre Opfer, schändeten Frauen und Mädchen, sperrten die Einwohner iu ihre Häuser ein, zündeten diese an und entweihten den Tempel. Während der neun Schreckenstage vernahm man im jüdischen Quartier nur Geschrei, Klagen und Angstrufe. Die Kinder aßen in dieser Zeit nur alte Kohlstrünke; auf dem Wege von Adrianopel sind sie jetzt noch zu schauen, mit Wunden und Lanzenstichen bedeckt. Das Schauspiel war schrecklich. Inmitten der Straßen sah man Haufen muselmännischer Leichname; hier verwundete und verstümmelte Frauen, dort ^geknebelte junge Mädchen und angekettete Greise. Nach Ablauf des neunten Tages kam Suleiman Pascha mit seiner wackeren Armee an uud trieb die Russen vor sich her; die türkischen Soldaten vertheilten an die Ueberlebenden ihren Zwieback; aber leider war nur noch ein Drittel der Einwoh er übrig. Die tapferen russischen Soldaten betrugen sich nicht minder würdig. Sie waren an einem Samstag in die Stadt getrungen, als die Juden sich gerade in ihren Synagogen zum Gebete versammelt hatten. Plötzlich sehen sie sich von einem eisernen Ringe umgeben, der auS Bulgaren und Kosaken gebildet war. Ihr Anführer war ein Bulgare, Namens Simio, der früher Aufseher in den israelitischen Weinbergen gewesen war. Als die Armen ihn sahen, warfen sie sich ihm zu Füßen und flehten um Gnade. „Gleich, gleich!' antwortete der Elende und wies seinen Helfershelfern diejenigen an, die festgenommen werden sollten. Nachdem sie geknebelt waren, erwürgte er sie an den Thoren des Tempels selbst, dann ließ er einige Straßenhunde schlachten, mischte deren Blut mit dem Menschenblute und nöthigte die überlebenden Juden, dieses scheußliche Gebräu zu trinken. Der Leichnam des Gemeinde - Vorstehers, Abraham Canetti, ward von den Hunden zerrissen. Im Folgenden die Liste der Getödteten. Es ist ein seltenes und kostbares Dokument, das die Herren Diplomaten auf der demnächstigen Conferenz aufklären kann. Besonders mögen ste den Namen Simio behalten. Er ist ein würdiger Führer für die autonome Bulgarei. (Es folgen eine Menge Namen, die in Getödtete, Verschwundene, Verwundete, Geflüchtete und nach Schipka Weggeschleppte eingetheilt werden).