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Der Israelit · 1877-09-19 · Heft 38-39 (19.9.1877) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 38-39 (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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915 Rumänien. Jafsy. Wenn man mich früge, welches das größere Uebel für unsere an Seelenzahl der Lemberger gleichen Gemeinde sei, der Krieg mit seinen Unbilden oder die Intoleranz der rohen rumänischen Bürger? Ungleichheit des Juden vor dem Gesetze, müßte ich darauf antworten, die bedauerlichen Zustände in der jüdischen Gemeinde, welche zusehends ärger werden, dieses nun isi's, welches mich bestimmte, obschon der Zeitpunkt ein ungelegener zu sein scheint, in dem beliebten voll edler Tendenzen für das Wohl seiner Brüder glühenden „Israelit", die Mängel hier aufzudecken und meine warnende Stimme gegen die fast muthwilligen Zerstörer einer an so viel schönen und Humanitären Anstalten reichen Gemeinde zu erheben, auf daß die Einsichtigen sich dieses zu Herzen nehmen und eine heilsame Wendung herbeiführen. Jassy zählt gegen 30,000 jüd. Seelen, besitzt noch seit der Regierung Kusa's ein schönes und wohleingerichtetes Haus für Schulzwecke. Diese Schule, welche vor der Karlistischen Aera von Schülern und Lehrern überfüllt war und die schönsten Resultate erzielte, ist jetzt leer, still, wie ausgestorben. Kein Lehrer, kein Schüler, das Schulhaus selbst, welches einen Werth von mehreren tausend Dukaten repräsentirte, ist aus Mangel an Reparatur nun mehr eine Ruine, welche die Aufmerksamkeit der Väter der Stadt derart auf sich lenkte, daß ein Ukas erfolgte, das SchulhauS entweder in gehörigem Stande zu erhallen oder zu schleifen. Wo aber unsere herrliche Jugend anzu- Ireffen ist, kann sich wohl jeder hinzudenken, nicht in Schulen, sondern auf dem Forum Romanum d. h sie vagabundiren frei, froh und munter auf den öffentlichen Plätzen, wie vor 40 Jahren in Lemberg, und dieser aus Hunderten von Kindern Heranwachsende, zum Müssiggang und zur Arbeitsscheu angehaltener Nachwuchs, soll dann die Jassyer Judengemeinde bilden. Können sich unsere edlen Glaubensgenossen in den fernen Ländern, welche so viel Sympathie für uns an den Tag legten, das Unglück unserer Gemeinde nicht im Voraus bestimmen, sehen sie nicht, welche Geistessöhne das Jassyer Israel für das kommende Jahrhundert in das Völkerconcert schicken wird. O dreimal Schande über eine Gemeinde, welche bereits auf dem Höhepunkt der Zeit stand und sich selbst in den Abgrund der Finsterniß und der Verdummung geschleudert. Wie aber war ein derartiger Rückschritt möglich?! Hier gerade wirken drei Fraktionen mit an dem Zustandekommen dieses Resultates; den Einzelnen der Gemeinde trifft die Verantwortlichkeit nicht. Nach Wegfall des Gemeindezwanges hat wohl Niemand daran gedacht, daß auch mit der Ordnung in der Gemeinde die ganze Verwaltung Wegfällen müsse. Die Großen der Gemeinde, (Herrn Neuschitz etwa ausgenommen, welcher für sich wohl i« musterhaft wohlthätiger Weife wirkte), sind in. different und sehen auf die Gemeinde mit Verachtung herab. Die Großen mit den unreine« Händen haben leider genug Hand an die Gemeindesäckel gelegt und machen es jetzt so, als wenn sie vornehm indifferent wären, und kein Gemeindeamt übernehmen wollen. Nun wer bleibt also zurück, um die Gemeinde zu repräsentiren? ein Paar Ungebildete, die, wie in einem Kinderspiele, in einer Synagoge gewählt werden. Was liegt ihnen wohl daran, ob die Kinder ihrer Gemeinde in dem Ebenbilde eines Menschen oder eines Thieres erzogen werden sollen? Auch das Spital, eine Schöpfung früherer Zeit, wankt mehr als es fest steht und läßt im Uebrigen viel zu wünschen übrig. Damit haben wir alles aufgezählt, was wir hier besitzen. Die Einnahmsquelle der Gemeinde ist die Gabella. Diese könnte man bei einer regelrechten Durchführung und Verwaltung aus 36000 Duc. bringen, eine indirecte Steuer, welche Niemanden sonderlich berührt und doch zur Erhaltung vieler und herrlicher Anstalten ausreichen würde. Auffällig ist es aber, daß gerade in dieser Gemeinde, in welcher die Zersetzung mit Riesenschritten vorwärts geht, ein kleiner Ersatz sich zeigt in der Bildung von größeren Vereinskörpern. Hier begegnet man dem Zionsbund, welcher aber zu schwach ist, Schule und Spital aus Eigenem zu erhalten oder die Gemeinde zu reconstituiren. Man stndet den I. Kranken- und Leichenverein aus mehreren Hunderten von Mitgliedern bestehend. Dieser Verein hat das Gute, daß er die Mitglieder, die Familie des Erkrankten, wie den Erkrankten selbst unterstützt. Wer hier lebt, wird die Ueberzeugung gewonnen haben, wie theuer die geringste Krankheit zu stehen kömmt, wie unverschämt hohe Preise die Apotheker für die kleinste Zubereitung (sogar nach 50% Rabbat) sich zahlen lassen. In Rumänien scheinen die Apotheker noch im goldnen Zeitalter zu leben. So zahlt der Kranken- und Leichenverein für einen Monat an den Apotheker nach 5o% Rabbat 1000 und einige Frcs. Man ersieht daraus, daß es eine wahre Wohlthatist, in diesem Vereine zu sein, welcher mit vereinten Kräften den Apothekern auf die Beine hilft; nun gehen die Mitglieder auch daran, einen Wittwenfond einzurickten. Noch gibt es andere ähnliche Vereine. Ein Unicum ist wohl in jüdischen Gemeinden die krankhafte Hast zur Veranstaltung einer pomphaften Leichenbestattung. Jeder Verein hat einen eigenen Leichenwagen mit größerem oder geringerem Aufwande; gegenwärtig sind deren 3, bald kommt ein vierter, und so geht man wie es scheint daran, statt für die Gemeindeglieder während des Lebens zu sorgen, dies lieber auf nach den Tod zu verlegen. (L.J.)

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