Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 38-39 (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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914 müssen, um alle die zu fassen, welche sich durch Besuch des feierlichen Gottesdienstes Absolution kaufen wollen für das, was sie an den Goims vollbringen werden im bevorstehenden Jahre 5828." ' (Zu der Böswilligkeit auch noch die Unwissenheit. Die Juden feierten jetzt den Beginn des Jahres 5 538, nicht 5828. Anm. d. Red.) Dann folgt der wörtliche Abdruck eines laugen, in Jahre 1724 von Friedrich Wilhelm I. erlassenen Edicts, wodurch alle „unvergleiteten" Juden, d. h. alle, welche die damals erforderliche Aufenthaltserlaubniß nicht besaßen, aus Preußen ausgewiesen wurden, und hierauf die Nutzanwendung, in welcher es heißt: „Warum wir das vorstehende Edict mitgetheilt haben? Einmal, um den Juden zu zeigen, wie man im Lande der „Glaubensfreiheit" noch tief bis in das vorige Jahrhundert hinein dachte — der „aufgeklärte" Friedrich II. ist bekanntlich auch nicht toleranter gewesen, als sein Vater — und um sie zugleich daran zu erinnern, daß es stets die Päpste und große Heilige der katholischen Kirche gewesen sind, welche die Juden im Mittelalter gegen den Volkshaß und gegen die von der Staatsinquisition ausgegangenen Verfolgungen vertheidigt haben. Wir wollen aber durch die Publikation des Obigen auch einen Warnungsruf für die Zukunft ertheiten. Das Gebühren eines großen Theils der bei uns eingewanderten fremden Nation hat wieder einmal einen Höhegrad erreicht, daß es des SicherinnernS an alle christlichen Sittengebote bedarf, um nicht der aufwallenden Entrüstung einen tatsächlichen Ausdruck zu geben." Gott sei Dank, daß die Zeiten vorüber sind, in denen solche Drohungen besorgnißerregend waren; heutzutage fallen derartige Bosheiten auf das eigene Haupt der Böswilligen zurück. Neubrandenburg (Meckl.-Stlitz), 10. Sept. Dienstag, den 4. dieses Monats fand die Einweihung der hiesigen neuerbauten Synagoge durch den Landrabbiner Dr. Hamburger statt. Aus den benachbarten Städten Neustrelitz, Strelitz, Penzlin, Stavenhagen, Dargun, Fürstenberg, Pasewalk, Brenzlau u. a. m. fanden sich Gäste zu dieser Einweihungsfeier ein. Se. K. H. der Großherzog ließ sich durch den Stadtrichter Hrn. v. Rieben vertreten; Herr Regierungsrath Schmidt sprach in einem sehr freundlichen Schreiben an den Vorstand sein Bedauern aus, durch Regierungsgeschäfte zu erscheinen behindert zu sein. Man bemerkte, daß mehrere Häuser zum Willkommen geflaggt hatten. Um 2 Uhr Nachmittags begann die Feier. Das Gotteshaus war von Besuchern überfüllt. Herr Staotrichter v. Rieben, als Vertreter Sr. K. H. des Großherzogs, übernahm auf Ersuchen den Act des Aufichließens der Synagogenthür. Der Zug mit den Thorarollen trat in die Synagoge, worauf der Landesrabbiner Herr Dr. Hamburger die Kanzel bestieg und in deutscher liebersetzung den Psalm 100 (Psalm des Dankes) vortrug, dem sich das Weihe-Gebet und der Weihe - Act anschlossen. Die Weihung der ewigen Lampe, des Sinnbildes der Offenbarungslehre , mit dem Nachweis ihres Geschichtsganges durch die Menschheit in den Jahrtausenden ihres Daseins, machte einen erbaulichen Eindruck. Außerordentliches leistete der Gesangchor, zu dem die bestenKräfte Neubrandenburgs gehörten. DiePredigt, die dem Liede: „Gott ist's, den ich mir erwähle," folgte, hatte zum Text: Jesaia 56, 7. Das Thema derselben war: „Die Mission des Gotteshauses in unseren Tagen und ihre mögliche Erfüllung". In dem Theil der Predigt von der Geschichte des Baues der Synagoge gedachte der Redner besonders der Beihilfe zum Synagogenbau Seitens Sr. K. H. des Großherzogs und hob dessen Wohlwollen gegen Jedermann ohne Unterschied des Glaubens mit vielem Nachdruck dankend hervor. Abends versammelten sich nochmals die Gemeindemitglieder und die Gäste zu einem Festessen. Der Senator. Herr Brückner, brachte den ersten Toast auf Se. K. H. den Großherzog aus, worauf der Stadtrichter, Herr v. Rieben, dankend antwortete. Ein zweiter Toast wurde von dem Landesrabbiner , Herrn vr. Hamburger, auf das Wohl der Mitglieder der Landesregierung ausgebracht, dem ein dritter vom Vorsteher, Herrn S. Löwenhaupt, auf den Magistrat der Stadt Neubrandenbrug, besonders auf Herrn Senator Brückner, dem die Gemeinde Vieles verdankt, folgte. Oesterreichisch - Ungarische Monarchie. Wien, 17. September. Die „Presse" meldet aus Bukarest: Hier sind 340 türkische Juden im elendesten Zustande angekommen, welche, nachdem sie unerhörte Mißhandlungen erlitten hatten, von den Bulgaren aus Kasanlyk vertrieben worden sind. Zwölf reiche Juden waren vorher ermordet worden, Frauen jund Mädchen mißhandelt. Die Kosaken schützten die übrigen jüdischen Einwohnern vor Ermordung. Von Schipka bis Tirnowa wurden ihnen auf 'Anordnung des russischen Befehlshabers sicheres Geleit gegeben; von den bulgarischen Wagenführern wurden sie jedoch abermals beraubt. Diese Thatsachen werden von dem englischen und dem österreichischen Generalconsul konstatirt.